„Das passiert doch nicht in Deutschland!“

 

Am Samstag reisten etwa 60 unserer Mitglieder und Sympathisanten nach Magdeburg: aus Koblenz, Saarbrücken, Frankfurt, Göttingen, Darmstadt, Leipzig, Halle, Braunschweig, Wolfsburg - einer kam sogar aus Frankreich und viele türkische Mitbürger. An einer sehr belebten Stelle schlugen wir unsere „Zelte“ auf – nein, einen gut besuchten Stand mitten im Herzen Magdeburgs auf. Straßenbahnen kreuzten sich hier, links und rechts zwei große Kaufhäuser, aus denen die Kunden kamen und direkt zu uns schauten. Da wir die Aktion angemeldet hatten, standen anfangs zwei Polizei-Wagen dort, einer zog dann angesichts der friedlich verlaufenden Aktion ab.

 

Natürlich verschafften wir uns lautstark Gehör, auch wenn anfangs die Technik nicht so funktionierte, wie wir wollten – aber mit geeinten Kräften schallte Dietmars Stimme irgendwann über die Straßen Magdeburgs und übertünchte auch den größten Straßenlärm. „Liebe Magdeburgerinnen und Magdeburger – hier sind Menschen aus ganz Deutschland angereist, um auf ein großes Unrecht aufmerksam zu machen. 5 Verfassungsgerichtsurteil, ein Urteil des Europäischen Menschengerichtshofes vermochten nicht auszurichten, dass in Sachsen-Anhalt ein Kind zu seinem leiblichen Vater kann.“ 

 

Mit großen Plakaten und Banderolen prangerten wir an: „Schon wieder in Deutschland: Zwangsadoptionen“. Oder: „Gebt Kazim seinen Sohn zurück“. Oder: „Böhmer soll seinen Kinderklauladen aufräumen“. Wir verteilten tausende von Flyern und Handzettel, jedes Mal, wenn Dietmar seine Rede beendet hatte, brauchten wir uns nur noch hinzustellen, beide Arme auszubreiten und die in unseren Händen befindlichen Zettel wurden uns von Passanten selber genommen. Autofahrer kurbelten ihre Scheiben runter und streckten die Hände aus, wir brauchten nur noch zu verteilen und uns zu bedanken. Die Menschen in den Straßenbahnen lasen aufmerksam, was wir großflächig plakatiert hatten. Auf ein paar unserer Autos wurden schon vorbereitete Dach-Plakatständer montiert. Damit fuhren einige von uns durch Magdeburgs Straßen und sorgten für immens hohe Aufmerksamkeit.

 

Es gab aber auch Reaktionen, die uns sehr zu denken gaben: ein Mann bemerkte zynisch: „Görgülü ist ja auch ein richtig altdeutscher Name“. Fremdenhass in Reinkultur. Interessant auch die Reaktionen, als Celestina Görgülü ans Mikrofon trat und die Menschen plötzlich aufhorchten – diese Frau sprach ja ihren Dialekt!

Einige Menschen wollten es gar nicht glauben, was sie lasen: „Das passiert doch nicht in Deutschland!“, anderen war der Fall Görgülü bereits aus Presse oder Fernsehen bekannt.

 

Oder eine Mutter erzählte den anwesenden Frauen an unserem Stand: „Viele Väter tauchen doch ab! Ich bin arbeitslos,  mein Mann hat 15.000 Euro Kindesunterhaltsschulden und ich muss das Studium meiner Tochter bezahlen. Für mich geht niemand auf die Straße.“ Eine andere Frau fragte: „War er (Anm: sie meint Kazim Görgülü) denn mit der Mutter verheiratet?“ Wir: „Nein.“ Schnippische Antwort: „Tja, Pech gehabt.“ Klar ist aber auch, dass viele Magdeburger angesichts der hohen Arbeitslosigkeit viele andere Probleme haben.

 

 

Hinterher saßen wir alle noch gemütlich beisammen, um uns aufzuwärmen. Schließlich war es bitterlich kalt. Alles in allem waren wir sehr zufrieden: wir konnten die Magdeburger Menschen auf ein Thema lenken, was sie vielleicht auch einmal treffen kann: der Verlust ihres Kindes. Nicht unbedingt durch eine Zwangsadoption, sondern auch durch eine Trennung oder Scheidung. Und zum Schluss: wir wurden gut beobachtet! J