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Zitiert aus:

Weser Kurier

11.1.2007

Arzt: Kevin war "immer so still"
Arzt wusste von Anfang an, dass Bernd K. nicht der leibliche Vater war und trat dennoch als sein Fürsprecher auf

Von unserer Redakteurin
Rose Gerdts-Schiffler

BREMEN. Warum trat der Arzt von Kevins Eltern über zwei Jahre lang als hoch engagierter Fürsprecher für ein Paar auf, dessen Begleitung er von Anfang an als "explosives Krisenmanagement" empfand? Gestern, so schien es, gab ... (Vafk: Arzt, dessen Patienten die Eltern und nicht das Kind waren) im Untersuchungsausschuss erstmals eine Antwort darauf und wartete zugleich mit weiteren Überraschungen auf. So berichtete der 54-jährige Mediziner, der das Paar seit Jahren mit dem Ersatzstoff Methadon substituierte, dass er davon wusste, dass Bernd K. nicht Kevins Vater war. "Die Mutter hatte mir erzählt, dass Kevin einer Vergewaltigung entstammte."
Dennoch setzte er sich auch nach dem Tod der Mutter im November 2005 dafür ein, dass der Junge beim Ziehvater blieb. Mehrfach deutete
... (Arzt) gestern an, was ihn dazu bewegt hatte. "Mir ist auch schon mal ein Kind weggenommen worden. Ich wusste, wie sich das anfühlt." Im Gegensatz zu manch anderen Zeugen vermittelte der Mediziner gestern das Bild eines Mannes, den Selbstvorwürfe plagen. "Ich frage mich, wie blind war ich, dass ich diese vielen Knochenbrüche bei Kevin nie bemerkt habe."

Allerdings habe er Kevin auch "nie ausgepackt". Auffällig sei nur gewesen, wie still der kleine Junge stets gewesen sei. "Stillgestellt?", hakte der Ausschussvorsitzende Helmut Pflugradt nach. "Dies", so der Mediziner nachdenklich, "habe ich mich im Nachhinein auch gefragt."
... (Arzt) wirft dem Jugendamt vor, ihn nicht gründlich informiert zu haben. "Ich wusste nichts von den Kindesmisshandlungen. Das wurde mir seitens des Paares und des Fallmanagers verschwiegen." Dafür wusste er, dass die Eltern von Anfang an viele als absolut notwendig erachtete Unterstützungsmaßnahmen boykottierten oder abbrachen, rückfällig wurden, dass die Mutter trank und dass vor allem der Fallmanager in diversen Situationen nicht reagierte.

... (Arzt) erinnerte sich daran, "mal entsetzt, "mal verwundert" gewesen zu sein oder die Situation als "unerträglich" empfunden zu haben. Doch er blieb bei seiner Entscheidung, den "relativ stabilen Vater" weiter darin zu unterstützen, das Kind zu behalten. Noch im April 2006 mahnte er schriftlich die Leitung des Jugendamtes an, sich bei der Bagis dafür einzusetzen, dass Bernd K. sein ihm zustehendes Geld bekomme. Der inzwischen allein erziehende Vater drohe sonst "zur tickenden Zeitbombe" zu werden. Eine düstere Prophezeiung. Gerichtsmediziner haben Kevins Tod auf Ende April bis Ende Mai datiert. Dem entgegen steht die Aussage des Arztes, Kevin noch am 5. Juli 2006 lebend gesehen zu haben.

Dies wiederholte der Mediziner auch gestern, fügte aber einschränkend hinzu: "Soweit ich mich erinnere." Für Verwunderung bei einigen Ausschussmitgliedern hatte zuvor der Auftritt des 61-jährigen Sozialarbeiters vom Verein "Ani avati" gesorgt. Der Mann hatte Kevins Eltern jahrelang psychosozial begleitet. Differenziert beschrieb er dem Ausschuss, dass Bernd K. zwar der Ruf eines "wilden, gewalttätigen Hauers" vorauseilte, dieser aber auch sehr weiche, sensible und bedürftige Seiten gehabt habe. An die Geburt von Kevin hätten sich die irrationalen Hoffnungen des Paares geknüpft, dass nun endlich "alles gut werde."

Kevin habe gerade Bernd K. "alles bedeutet". Er selber habe die Elternschaft des Paares als großes Unglück empfunden. In einem Schreiben an alle Beteiligten hatte der Mitarbeiter des Vereins im Jahr 2004 skizziert, unter welchen strikten Auflagen eine Elternschaft des Paares zu verantworten sei. Tatsächlich wurde kaum eine der Auflagen eingehalten. Erschütternde Einblicke in die Arbeit von "Fallmanagern" gab eine Sozialarbeiterin aus Gröpelingen. Der ständig thematisierte Kostendruck habe bei allen Mitarbeitern zu einer Veränderung geführt. Die Zahl der Krisenfälle sei gestiegen, die Zahl der Mitarbeiter gesunken.

"Man bemühte sich nur noch, die eigenen Sachen wegzukriegen. Die Feinfühligkeit für die eigenen Kollegen war nicht mehr da." So fiel denn auch niemandem auf, dass Kevins Fallmanager kaum eigene Fälle in den "Teamsitzungen" zur Beratung vorstellte. Eine Aufsicht durch eine Vorgesetzte gab es nur in der "Wochenkonferenz". Einziges Thema darin: Maßnahmen, die Geld kosteten. "Wie konnte in dieser Organisationsform eine Dienstaufsicht gewährleistet werden?", will Pflugradt von der Zeugin wissen. Die Frau schweigt lange. Dann ringt sie sich den Satz ab: "Das müssen sie meine Vorgesetzte selber fragen."

Anmerkung:

Da hätten wir von einer Sozialpädagogin etwas deutlich Anderes erwartet. Welche Botschaften können diese Leute eigentlich Menschen nahe bringen, wenn sie nicht in der Lage sind, Arbeitsbedingungen für sich selbst zu schaffen, in denen sie ihre beruflichen und menschlich ethischen Aufgaben auch bewältigen können? Wie weit müssen einige dieser Leute von den Aufgaben, für die sie bezahlt werden, weg sein, wenn es in Teamsitzungen um die Feinfühligkeit gegenüber Kolleginnen und Kollegen geht – und nicht um die von deren Tätigkeit Betroffenen? Und das von Leuten, deren Selbstbild ist, sozusagen studierte Berufsrevoluzzer/innen zu sein?

Im Untersuchungsausschuss stellte sich heraus, dass es wohl Unregelmässigkeiten in der Methadonbehandlung von Kevin's Eltern gegeben hat, wegen denen der Arzt nun angeklagt wird. Diesen Arzt nun aber für Kevin's Tod (mit)verantwortlich zu machen, halten wir für zweifelhaft. Wer diese Schiene fährt, muss wissen, dass sich dadurch für Drogenabhängige und andere Problemfamilien eine Zwangslage aufbaut: Wer um Hilfe bittet, ist automatisch die Kinder los.

Und: Logisch weitergedacht müsste dann auch für sämtliche Ärzte und Psychologen, die Alkoholismus oder psychische Probleme von Eltern behandeln, gelten, dass diese für eine umgehende Trennung von Eltern und Kindern zu sorgen hätten. Das würde aber die betreffenden Eltern von dem eigentlich verantwortlichen Schritt auch in Richtung Erziehungsfähigkeit abhalten, sich Hilfe zu suchen.


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