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Zitiert aus:
Weser-Kurier
14.2.2007

Lautstarke Vorwürfe an den Amtsleiter
Ausschuss-Vorsitzender sieht Versagen auf der ganzen Linie / Verdacht über Kindestausch erhärtet
Von unserem Redakteur
Volker Junck

BREMEN. Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Kindeswohl" wurde es gestern laut. Ungewöhnlich laut sogar: Der sonst um moderate Töne bemühte Vorsitzende Helmut Pflugradt nahm sich den Zeugen Erwin B., Leiter des Sozialzentrums Gröpelingen/Walle, ordentlich zur Brust und warf ihm Versagen auf der ganzen Linie im Fall Kevin vor. Keine Kontrolle der ihm unterstellten Stadtteilleiterin "Junge Menschen", keine ordentliche Dienstaufsicht über den für Kevin direkt verantwortlichen Fallmanager, keine Akteneinsicht zum Drama um den Tod des Zweijährigen. Helmut Pflugradt konnte es nicht fassen, wie der Amtsleiter für den Bereich Gröpelingen/Walle den Fall so schluren lassen konnte. "Sie haben den Amtsleiter (Jürgen H. ...) für Soziale Dienste hinters Licht geführt", donnerte er dem Zeugen am Ende einer vielstündigen Vernehmung entgegen. Die für die damalige Senatorin Karin Röpke verfasste Chronologie der Ereignisse bis zu Kevins Auffinden in der Kühltruhe des Ziehvaters am 10. Oktober vergangenen Jahres sei erlogen, weil sie auf falschen Berichten der Stadtteilleiterin Junge Menschen und Kevins Fallmanagers beruhten. "Ich musste annehmen, dass die Berichte der unmittelbar Beteiligten stimmen", verteidigte sich B..

Kommentar:
In diesem Zusammenhang sind natürlich auch die Ausagen der Richterin Heinke aus anderer Perspektive hoch interessant:
Bei Gericht wird natürlich auch davon ausgegangen, dass die Berichte aus dem Jugendamt stimmen!
 
Pflugradt wunderte sich auch lautstark, warum B. zu dem ihm bekannten Gerücht, Kevins Ziehvater habe der Behörde ein falsches Kind präsentiert, keine Aktennotiz angefertigt habe. "Das ist ja schließlich keine Kleinigkeit." Wie gestern berichtet, hatte die Stadtteilleiterin bei der Kripo angegeben, dass Kevins Ziehvater zu einer Fallkonferenz im April vergangenen Jahres ein Kind mitgebracht habe, das auf sie zugelaufen sei. Da der stark entwicklungsgestörte Kevin aber nach übereinstimmenden Aussagen nur kriechen konnte, müsse es ein fremder Junge gewesen sein. Dieser Verdacht findet sich auch in den Akten der ermittelnden Staatsanwaltschaft gegen Kevins Ziehvater. Weitere Nahrung erhielt der ungeheuerliche Verdacht gestern durch einen Hinweis von Ausschuss-Mitglied Klaus Möhle, dass Kevin laut Obduktionsbericht fast nie das Tageslicht gesehen habe. Verschiedene Menschen in Gröpelingen - so die Pastorin der evangelischen Gemeinde - haben den Ziehvater nach eigener Aussage aber des öfteren mit einem munteren Kind beim Einkaufen und auch sonst in der Öffentlichkeit gesehen.Inzwischen wurde auch bekannt, dass der Ziehvater nach dem Tod von Kevins drogenkranker und HIV-infizierter Mutter Ende 2005 eine neue Freundin mit einem Kind hatte, was zumindest den vertrauten Umgang bei der Fallkonferenz erklären würde. Auch eine nach dem Tod der Mutter eingesetzte Familienhelfern hatte keine Auffälligkeiten an dem Kind entdeckt. Laut Obduktionsbericht war Kevin bis zu seinem Tod im Mai vergangenen Jahres aufs Schwerste misshandelt worden und wies zahlreiche Knochenbrüche und Blutergüsse auf. Zu all dem wird der Ausschuss wohl die Stadtteilleiterin befragen, die für morgen Nachmittag noch einmal in den Zeugenstand geladen wurde. Bei ihrem ersten Auftritt hatte sie unter Tränen eingeräumt: "Ich bin von einem Junkie aufs Kreuz gelegt worden." Nun muss sie sich auch noch den Vorwurf gefallen lassen, für Kevins Fallmanager unstimmige Berichte geschrieben und die Dienstanweisung der senatorischen Behörde zum Umgang mit substituierten Eltern umgangen zu haben. Diese schreibt strenge Kontrollen von Eltern und Kindern auf Drogen mit Urin- oder Haarproben vor, wie gestern Herbert Holakovsky, Leiter im Referat Erzieherische Hilfen bei der senatorischen Behörde, erläuterte.

Sein Chef Frank Lammerding, Abteilungsleiter Junge Menschen und Familie im Amt für Soziale Dienste, hat inzwischen seinen Abschied genommen. Der Ausschuss-Vorsitzende zitierte gestern aus einem Brief Lammerdings an alle Mitarbeiter, nach dem eine moderne Jugendhilfe bei den derzeitigen Strukturen in Bremen nicht möglich sei. ...

Kommentar:
Dies ist wohl erst der erste Abgang von Leuten, die es sich nicht mehr leisten wollen, in diesen Strukturen zu arbeiten. Wir sehen dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge:

Diejenigen, die die höchsten eigenen ethischen Ansprüche stellen, werden gehen, Aussitzer/innen bleiben.
Besser fänden wir, wenn sich die Verantwortlichen unter den Jugendamtsleuten daran erinnern würden, dass es auch durchaus eine Fürsorgepflicht seitens des "Dienstherren", also des Landes Bremen bzw. der Sozialsenatorin gibt, und man damit Arbeitsbedingungen, die nicht Regressforderungen absehbar machen, auch mal einklagen kann. Nach der dritten Überlastanzeige versteht sich, und nicht nach der hundertsten.

Auf der anderen Seite findet sich schon jetzt fast niemand mehr, der dort noch arbeiten will: Einige zu besetzende Stellen wurden mit "Fachfremden" besetzt.
Stell dir vor, das Jugendamt soll Kindeswohl umsetzen - und keiner geht zum Arbeiten mehr hin, weil die Leute schon beim Einstempeln mit 1 3/4 Füßen im Knast stehen.


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