Zitiert aus:
Weser Kurier
31.1.2007
Ging Budgetplanung vor Kindeswohl?
Innenrevision
durchleuchtet Amtsstrukturen im Fall Kevin / Auch die Vorgesetzten des
Fallmanagers haben versagt
Von unserer Redakteurin
Rose Gerdts-Schiffler
SPEZIAL:
Untersuchungsausschuss "Kevin"
BREMEN. Mit Spannung
wird am kommenden Donnerstag die Zeugin Ulla H. vor dem Ausschuss
"Kindeswohl" in der Bürgerschaft erwartet. Als
Stadtteilleiterin war sie die direkte Vorgesetzte von Kevins
Fallmanager. In einem vertraulichen Bericht der Innenrevision wird der
Stadtteilleiterin "eine gefilterte und unvollständige"
Berichterstattung vorgeworfen. Auf
90 Seiten analysiert der
Innenrevisor
die "Verwaltungsstrukturen und Ablaufprozesse" im Bereich der
Erziehungshilfen unter Berücksichtigung des tragischen Endes
des kleinen Jungen. Lediglich eine Seite
widmet er dem Amtsvormund von Kevin.
Kommentar:
Diese Analyse der
Innenrevision gehört in einem demokratischen Staat
anonymisiert veröffentlicht, und zwar in dreimonatlichen
Abständen - und nicht nur nach unvertuschbaren Skandalen: Was
wird denn wohl auf den übrigen Seiten beschrieben?
Nach früheren Berichten hatte der Vormund sich mit zig
Vormundschaften nie befasst. Die inhaltliche Überprüfung
dieser und aller 240 oder 300 Fälle passt auf eine Seite?
Eltern haben ein Recht, zu erfahren, wie es zu diversen absurden
Entscheidungen und Stellungnahmen an die Familiengerichte
bezüglich ihrer Kinder kam, und was die Innenrevision
dazu zu sagen hat. Jede Elterntrennung wird über die
Schreibtische dieser Behörde geregelt! Wenn die Innenrevision
Fehler aufdeckt, haben die Familiengerichte auf deren Basis
längst dauerhaft die Erziehungsverhältnisse
beschlossen. Oft gibt es danach gar keinen Eltern/Kind-Kontakt mehr. Wo ist da
die Rückkopplung zu Eltern / Gerichten?
Es sei
unverständlich,
warum dieser keine Vaterschaftsfeststellungsklage eingereicht habe,
wunderte sich der Revisor.
Die Antwort gab eine
nichtöffentliche Sitzung des Ausschusses.
Dort erfuhren die verblüfften Mitglieder kürzlich,
dass der Amtsvormund sehr wohl wusste, dass Bernd K. nicht Kevins
leiblicher Vater war....Dennoch blieb der Junge nach dem
ungeklärten Tod seiner Mutter weiter in der Obhut von Bernd K.
Kommentar:
Wir
hatten bereits dargelegt, dass in der Situation
"Festgestellte mehrfache Knochenbrüche beim Kind" die
leibliche Elternschaft überhaupt keine Rolle in der Frage
spielt, ob das Kind aus den Umständen heraus geholt
werden muss, und zwar von Allen, die davon wussten.
Ebenso hatten wir dargelegt, dass hier die Rolle der
Richterin, die
laut Gesetz, das sie letztlich selbst mit entwickelt hat,
hätte handeln müssen, durch die Wahl des Themas des
Untersuchungsausschusses ausdrücklich nicht
im Abschlussbericht auftauchen soll. (Kindeswohl
im Amt für soziale Dienste). Der
höchste Vorgesetzte der Richterin ist der
Bürgermeister.
Es findet sich kein politisch Verantwortlicher auf der bisher veröffentlichten Liste der Zeugen. Der
UA soll noch vor den Wahlen zu Ergebnissen kommen. Da will der
Bürgermeister natürlich damit
protzen, dass er
3 Planstellen mehr geschaffen hat, und das Thema Kindeswohl an eine
Sozialsenatorin delegiert hat, die sehr kompetent sei, und die es wiederum weiter delegiert.
Funktioniert es wieder nicht, fliegt sie eben auch als Bauernopfer der
tatsächlichen Strukturen beim nächsten toten
Kind.
Das eigentliche politische Problem liegt in der Delegation des Themas
Familienpolitik. Diese geschieht üblicherweise an die Frauen-
oder Gleichstellungsbeauftragten - bundesweit, siehe Ehegattensplitting
und Änderung des Unterhaltsrechtes.
Interessanter Aspekt natürlich, was denn so in den Parteien der
Koalitionen der letzten beiden Jahrzehnte in Bund und Ländern
unter Gleichstellung in der Familie verstanden wird,
wenn Familienpolitik an Frauenbeauftragte delegiert wird.
Interessant auch, dass die Frauenbeauftragten, die sich im Bund und in
Brüssel am stärksten hervortun, ausgerechnet aus den Gebieten
kommen, die im Familienatlas als familienpolitisches
Katastrophengebiet eingeschätzt wurden. Die Bremische
Frauenbeauftragte ist seit 11 Jahren im Amt, das schafft kaum ein
Papst! Also ist diese Katastrophe hier ihr Ergebnis, und letztlich hat
sie für die Zustände im Jugendamt und den freien Trägern
gesorgt.
Kindeswohl muss Chefsache bei Senator/in und Bürgermeister/in sein und bleiben! Wir werden das beobachten.
Hinweis:
Es gibt bereits aus dem Jahr 2006 ein Projekt, Vormundschaften auf
Privatpersonen zu übertragen - offenbar aus Kostengründen. Da
sich aber schon die Verfahrenspflegschaften (Anwalt des Kindes) mangels
verbindlicher Zielvorgabe und Kontrolle nicht bewährt haben, wird
auch das wieder keine Verbesserung bezüglich Inhalten oder
Kontrollierbarkeit bringen. Ein verantwortliches Verhalten
gegenüber unseren Kindern kann so also nicht sichergestellt werden.
Als "nicht
nachvollziehbar" wertete der Revisor die Begründung
für diese Entscheidung des Amtsvormundes. Dieser hatte
ausgeführt, der Mann sei ansonsten
selbstmordgefährdet. Verwunderung und Kritik klingen auch
hinsichtlich der Rolle von Ulla H. durch. Die Stadtteilleiterin war
laut Aktenlage seit Februar 2006 in den Fall Kevin eingebunden. "Es
fällt auf, dass die von ihr verfassten Berichte nicht immer
vollständig den tatsächlichen Sachverhalt
widerspiegelten", schreibt der Revisor. So habe sie dem
Amtsleiter
mitgeteilt, dass Kevin im Programm "Frühe Hilfen" betreut
werde.
Kommentar:
Na, da können wir dem Mann/ dem Untersuchungsausschuss noch diverse Aktenzeichen und
Mitarbeiter/innen mehr nennen... Daher auch unsere bereits
erwähnte
Forderung, die glücklicherweise schon Gehör zu finden
beginnt: 10
Innenrevisoren müssen sämtliche noch aktuellen
Jugendamtsakten
überprüfen, und festgestellte Mängel auch
bezüglich der
Lebensverhältnisse der Kinder richtig stellen.
Dann klappt's u.a. auch bei Willi Lemke (Bildungssenator / Pisa).
Zugleich verschwieg die
Stadtteileiterin jedoch, dass die Eingangsuntersuchung für die
"Frühen Hilfen" gar nicht stattgefunden hatte, da Bernd K.
gleich drei Termine versäumt hatte und somit die
Unterstützung für den kleinen Jungen gar nicht
anlaufen konnte. Selbst nachdem sie erfahren hatte, dass Bernd K. das
Amt von hinten bis vorne belogen habe, dauerte es noch vier Wochen, bis
Kevin endlich aus der Wohnung geholt werden sollte, rügt der
Prüfer. Kritik auch am Sozialzentrumsleiter: Bernd K. sei eine
"tickende Zeitbombe", hatte sein Arzt D. S. in einem Schreiben an den
Sozialzentrumsleiter gewarnt...
Hinweis:
Der Arzt wird wegen Verstoß BTM angezeigt. Die
Problematik ist nicht unser Hauptthema, weitere Hinweise finden Sie hier. Bernd
K. hatte einige Zeit kein ALG II bekommen wegen ähnlichen
Zuständen in der Stelle wie in den Jugendämtern.
Zuständig seitens der senatorischen Stellen:: Obiger Dr.
Arnold Knigge.
"Aus der Akte geht nicht
hervor, dass der Sozialzentrumsleiter auf diese bedrohliche Situation
reagiert hat", heißt es in dem Bericht. In dem
Prüfbericht findet sich auch ein Schriftstück von
September 2005, das zu belegen scheint, dass das Kindeswohl der
Budgetplanung untergeordnet wurde und nicht anders herum. Es handelt
sich um einen Brief an die Fallmanager: "Liebe Kollegin, lieber
Kollege, bis zum Jahresende gibt es keine stationären
Heimaufnahmen mehr. Neufälle werden nur nach Fallgruppe 1
genehmigt" (geringerer Unterstützungsbedarf als Fallgruppe 2,
Anm. der Redaktion).
Als Begründung
heißt es in dem Brief lapidar, dass die "vereinbarten
Zielvorgaben zwischen Amtsleiter und Sozialzentrumsleitung" nicht
eingehalten werden konnten.
Kommentar:
Aus einigen Fällen, die
betroffene Eltern in unserer
Selbsthilfe
erzählten, drängt sich im Zusammenhang mit dieser
Äußerung der Verdacht
auf, dass findige Jugendamtsleute daraufhin auf folgende geniale Idee
kamen: Kinder kommen nicht auf Kosten des Landes in Heime,
sondern auf Kosten der Krankenkassen in Psychiatrien! Und der für
Kevin zuständige Vormund mit dabei! Sind mit derartigen
Informationen die anderen obiger 90 Seiten Bericht der Innenrevision
gefüllt?
Wohlgemerkt: Erziehungsunfähigkeit ist ein dehnbarer Begriff.
Als erziehungsunfähig wird auch eingeschätzt, wer sich
weigert, die
Vorschläge des Jugendamtes als Ausdruck von Kindeswohl
anzuerkennen. Genau
da schließt sich der Kreis, der nur durch öffentliche
Kontrolle aufzulösen ist.
Verantwortliche Eltern fordern:
- Rückführung der
Verantwortung für
Pflegefamilien in die Behörden, somit direkt unter
politische und demokratische Kontrolle
- Verantwortliche
Personalausstattung in den Jugendämtern
- Schulung der Mitarbeiter/innen
dort auf den heutigen Stand der Forschung
- Förderung der
Erziehungsfähigkeit bei allen Eltern,
bei getrennten bei beiden, nicht nur der allein-erziehenden Seite
- Dreimonatliche
inhaltliche Innenrevision, Informationspflicht an betroffene Eltern und
Familiengericht bei Beanstandungen, entsprechend auch zu
Pflegefamilien, Heimaufsicht, Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie
Frauenhäusern, anonymisierte Veröffentlichung der
Revisionsberichte, Installation öffentlicher Kontrolle
Als Ergebnis wird sich dann eine gesellschaftliche Gesamteinsparung
ergeben. Eine Frage, die dieser Untersuchungsausschuss natürlich
nicht klären kann ist diese: Was haben die Zustände
in den Jugendämtern mit den Pisa-Ergebnissen oder den hohen
Zahlen von fremdplatzierten Kindern in Bremen zu tun?
Oder anders herum: Welche menschlichen, gesellschaftlichen und
fiskalischen Folgekosten hat
es, wenn 50 Stellen in Jugendämtern gestrichen wurden?
Und: Wo versickern eigentlich die immensen Summen im
Sozialhaushalt, und auf wessen Betreiben geschieht das? Bei den Leuten,
für die der Sozialhaushalt eigentlich gedacht ist, kommen die
Mittel jedenfalls offenbar nicht an.