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Zitiert aus:

Bremer Anzeiger 21.1.2007


KOMMENTAR

Niemand hat etwas bemerkt

Von unserem Redakteur Heiner Stahn

Auf den ersten Blick haben die beiden derzeit laufenden Untersuchungsausschüsse nicht viel mit einander gemein - aber nur auf den ersten Blick. Denn sowohl im tragischen Fall Kevin wie auch beim Klinik-Skandal offenbart sich, dass die Ursache wohl im gleichen Übel liegt: Fehlende Kontrolle.

Niemand hat im Fall des kleinen Kevin den Fall-Manager kontrolliert, der den Zweijährigen über einen längeren Zeitraum nicht mehr gesehen hatte. Der Amtsvormund, dies wurde bei der Befragung in dieser Woche deutlich, konnte dies nicht leisten - bei mehr als 240 Kindern, die er zu betreuen hatte. Es wäre Zufall gewesen, wenn er bei seiner Arbeit auf Kevin gestoßen wäre. Auch der Arzt, der die Eltern des Jungen mit Metha-don versorgte, wurde von niemandem kontrolliert.

Eine ähnliche Struktur offenbart sich im Klinik-Skandal ...

Dabei wären beide Fälle zu verhindern gewesen: Beide Male gab es eine ganze Reihe von Hinweisen aus den Arbeitsstrukturen der Behörden, reagiert wurde seitens der Amtsleitung allerdings nicht. Über das Warum muss die weitere Arbeit der Untersuchungsausschüsse Auskunft geben. Eines ist jedoch jetzt schon klar:

Zumindest in Sachen Gesundheit und Soziales muss Bremen zu grundlegend anderen Strukturen kommen. Ansonsten drohen weitere Skandale - die wie im Fall Kevin tragisch enden könnten.

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Untersuchungsausschuss „Kindeswohl" setzt Beratung fort

Über die Zustände im Amt überrascht"

Von unserem Mitarbeiter Hauke Hirsinger

BREMEN. Der Untersuchungsausschuss „Kindeswohl", der sich mit dem tragischen Tod des kleinen Kevin befasst, kommt langsam zu ersten Ergebnissen. Vergangene Woche wurde unter anderem Kevins Amtsvormund Bert K. vernommen.

Mit dem Ergebnis der Befragungen ist der Ausschussvorsitzende Helmut Pflugradt (CDU) nicht unzufrieden, auch wenn er sagt: „Bei so einem Fall kann man nie zufrieden sein. Ich bin vielmehr überrascht darüber, welche Zustände in diesem Amt geherrscht haben. Überrascht darüber, dass die einzelnen Mitarbeiter alleine gelassen wurden, dass es keine Führung gab. Dort herrschte Chaos. Das macht nicht zufrieden, sondern kann einen nur erstaunt machen, und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt."

Ähnlich sieht es auch der Stellvertretende Vorsitzende Klaus Möhle (Grüne): „Nach den Wochen im Untersuchungsausschuss erkenne ich die Strukturprobleme deutlicher als vorher. Ich bin verwundert darüber, dass es keinen Geschäftsverteilungsplan für das Amt gibt. So weiß man nicht auf welcher rechtlichen Grundlage die einzelnen Mitarbeiter dort arbeiten. ...

Anmerkung: 

Das ist wohl kaum eine Frage des Geschäftsverteilungsplanes!

...Nach der Umstrukturierung ist dort wohl alles drunter und drüber gegangen."

Auch für Pflugradt sind eher die Strukturen für den Tod Kevins verantwortlich, als das Versagen Einzelner: „Es zeichnet sich immer mehr ab, dass die Misere strukturell bedingt ist.

Wenn alle wussten was da los ist, aber niemand handelte, weil sich niemand verantwortlich fühlte, ist es kein Wunder, dass so etwas passiert ist." Mit ein wenig Sarkasmus fügt er hinzu: „Es hört sich komisch an, aber eigentlich kann man von Glück sagen, dass bisher nicht mehr passiert ist." Für ihn sei die größte Frage, wieso man jahrelang nicht gemerkt habe, dass in Amt und Behörde etwas grundsätzlich nicht stimme.

Kevins Amtsvormund Bert K. sagte aus, dass er allein rund 240 Kinder betreuen müsse. Normal seien 60 bis 70 Mündel. Daher kenne er auch nur etwa 30 Prozent seiner Schützlinge wirklich gut - ansonsten verlasse er sich auf den jeweiligen Fall-Manager. Mehrfach habe er auf die Überlastung der Amtsvormünder hingewiesen, auch bei Jugendamtsleiter Jürgen Hartwig. Passiert sei jedoch nichts, erst jetzt hat Bremen die Zahl der Vormünde aufgestockt. ...

Tatsache:

Die Aufstockung der Planstellen, die erst noch besetzt und eingearbeitet werden müssen, ergibt immer noch einen Schlüssel von 1:100.

Helmut Pflugradt ist seit Juli 2003 finanzpolitischer Fraktions-Sprecher und sitzt im staatlichen Haushalts- und Finanzausschuss, Klaus Möhle ist dort Stellvertreter. Aus der Webseite:

... Der Haushalts- und Finanzausschuss hat zudem die Aufgabe, das Personalmanagement und die Reform der Verwaltung des Landes parlamentarisch zu behandeln und zu kontrollieren. ...

Die finanzielle Ausstattung und die Behördenstrukturen haben sich vor der Gründung des Ausschusses Kindeswohl im Bericht Meurer schon als wesentliches Problem deutlich herausgestellt.

Kommentar:

Hier stellt sich die Frage, ob nicht Leute die Ergebnisse ihrer eigenen Arbeit untersuchen sollen, bzw. besser eher nicht.

Nachdem schon das Thema so gewählt wurde, dass die Rolle der Justiz nicht beleuchtet wird, riecht es auch hier deutlich eher nach Schadensbegrenzung durch eine ganz große Koalition als nach nach Aufklärung im Sinne einer dauerhaften Abstellens der Probleme.

Und so sieht vor lauter Kopfschütteln auch keine/r das Problem, das die Leute in einem anderen Ausschuss mit geschaffen haben.

Auf eine inhaltlich andere Arbeit, Öffnung des Tabus Jugendamt, von dem alle Trennungskinder betroffen sind, oder ein Hinterfragen der offenbar mangelnden Einstellung diverser – lange nicht aller – Leute in den Jugendämtern und den angeschlossenen Institutionen brauchen wir offenbar nicht zu hoffen.

Wer mit dem Kopf schüttelt, begreift nicht. Wer nicht begreift, kann auch nichts wesentliches ändern. Außer dies: Die Tatsachen kommen im Wahlkampf nicht auf den Tisch!

Eltern kennen die Tatsachen auch ohne Zutun des Untersuchungsausschusses. Welche sich als nichts-ahnend darstellende Politiker/innen sollen sie denn wohl wählen? 

Verantwortliche Eltern fragen::

Welche konkreten Ziele sollen die Jugendämter erreichen?

Wie wird kontrolliert, dass die Ziele erreicht wurden?

Welche öffentliche Kontrollmöglichkeiten werden installiert?

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