Zitiert aus:
Weser-Kurier
vom 28.3.2009
mit Kommentaren VafK, LV Bremen
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Entlastung muss warten |
BREMEN. Völlig überlastet. So fiel
die Lagebeschreibung für Bremens Amtsvormünder aus, als sie nach Kevins
Tod ins Blickfeld rückten. Denn bekanntlich starb der Zweijährige unter
staatlicher Aufsicht: Das Sorgerecht für den Jungen lag beim Jugendamt.
Rasch wurde die Abteilung verstärkt. Weitere Entlastung sollten
ehrenamtliche Vormünder bringen, die inzwischen vom Deutschen Roten
Kreuz (DRK) geschult worden sind. Allerdings überlässt ihnen das
Jugendamt offenbar nur sehr zögerlich Einzel-Vormundschaften.
Beobachter schütteln deshalb den Kopf und fragen sich: Wie passt das
zusammen? Sie haben noch die Klage der Amtsvormünder im Ohr, dass
angesichts der vielen Fälle kaum Zeit bleibe, sich um die einzelnen
Kinder zu kümmern. Das war vorgebracht worden, kurz nachdem Kevins
stark verweste Leiche Anfang Oktober 2006 im Kühlschrank seines
drogensüchtigen Ziehvaters entdeckt worden war.
Der Tod des Jungen, quasi vor den Augen des Jugendamtes, hatte in ganz
Deutschland für Erschütterung gesorgt. In Bremen arbeitete ein
parlamentarischer Untersuchungsausschuss das behördliche Versagen auf,
nicht nur der Leiter des Amtes für Soziale Dienste musste gehen. Auch
Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat zurück. Und nun, so die Kritik
hinter vorgehaltener Hand, falle es den Amtsvormündern augenscheinlich
schwer, einen kleinen Teil ihrer Arbeit an Ehrenamtliche abzutreten.
Das sei dann doch ein gewisser Widerspruch.
Petra Kodré, Sprecherin des Sozialressorts, sagt dagegen: "Es eignet
sich nicht jeder Fall, um einen ehrenamtlichen Vormund damit zu
betrauen." So sei zusammen mit dem DRK, das die Ehrenamtlichen im
Rahmen des Projektes proCuraKids schult, eine Kriterienliste erstellt
worden. Ausgeklammert wird dabei eine ganze Reihe an Konstellationen,
die als problematisch gelten. Zum Beispiel: Es gibt
Auseinandersetzungen zwischen den leiblichen und den Pflegeeltern; in
der Familie gibt es erhebliche Probleme mit Drogen, Alkohol,
Kriminalität; die Familie lehnt einen Vormund vehement ab.
[Kommentar Vafk:]
Fragt sich, wann denn überhaupt externe Vormünder eingesetzt werden,
denn bei diesen Kriterien bleiben fast nur
noch Vormundschaften für Vollwaisen übrig. Dass Eltern zu
Jugendamt und Vormund einige Kritik haben, ist angesichts der aktuellen
Zustände bei fast jeder Vormundschaft der Fall.
Insgesamt geht es wohl eher darum, dass das Jugendamt sich nicht in die
Karten schauen lassen will, und die Hintergründe von berechtigter
Kritik nicht ausserhalb des Jugendamtes bekannt werden sollen.
"Über die Kriterien herrscht Einigkeit", sagt Petra Kodré. Das Problem
sei jedoch der Zeitaufwand, der damit verbunden ist, die geeigneten
Fälle für die Ehrenamtlichen herauszusuchen.
Insgesamt seien seit Frühjahr 2007 gut 60 Menschen vom Deutschen Roten
Kreuz für die Übernahme von Einzel-Vormundschaften geschult worden. 36
warteten noch darauf, eingesetzt zu werden. Sozial-Staatsrat Joachim
Schuster (SPD) habe das Jugendamt nun aber schriftlich darum gebeten,
die Sache zügig voranzutreiben.
Vor Kevins Tod hat es Petra Kodré zufolge 2,75 Stellen im Bereich der
Amtsvormundschaften gegeben. Damals habe sich jeder Mitarbeiter um über
600 Mündel kümmern müssen. Damit hatte Bremen seinerzeit, wie
berichtet, bundesweit den Spitzenplatz inne. Nun liege die Zahl der
Planstellen bei 6,5 - und aktuell seien sogar 8,5 Stellen besetzt, fügt
die Ressortsprecherin hinzu. Zwei Mitarbeiter würden gerade
eingearbeitet, was angesichts der komplexen Aufgabe einige Zeit in
Anspruch nehme. Durchschnittlich kümmere sich nun jeder Mitarbeiter um
etwa 100 Kinder. Das entspricht nach Ressortangaben dem
Bundesdurchschnitt von 80 bis 100 Fällen pro Amtsvormund.
[Kommentar Vafk:]
Der bundesweit gültige Soll-Schlüssel beträgt 40 bis 80 Kinder pro
Vormund, voll eingearbeitete Vormünder und besetzte Planstellen
vorausgesetzt.
Ferner laufen Mitarbeiterinnen des Jugendamtes wie der Rattenfänger von Hameln durch die Stadt, und entsorgen beiderseits, was das Zeug hält. Es gibt damit heute weit mehr als 600 Mündel, die Zahlen lassen auf etwa die doppelte Zahl der neu hinzukommenden pro Jahr im vergleich zu den Zeiten vor Kevins Tod schließen.
Damit ist Bremen also weiterhin weit hinter den
Bundes-Standards hinterher.
Kindeswohl vor Haushaltslage?
Die nächsten Skandale, bzw. das Öffentlich Werden dieser Skandale ist
damit absehbar.
Ehrenamtliche mit Einzel-Vormundschaften zu betrauen - das soll
dauerhaft etabliert werden, sagt die Ressortsprecherin. Derzeit laufe
die Schulung beim DRK als Modellprojekt, das vom Sozialressort mit 88
000 Euro finanziert worden sei.
[Kommentar Vafk:]
Das sind bei DRK-Stundensätzen etwa 1,5 - 2 Personen für ein Jahr -
für Schulungen und Verwaltung. Die Vormünder sollen natürlich
ehrenamtlich arbeiten. Dass das nicht funktioniert, ist von vorn herein
klar.
Ziel sei es aber, die Schulungen langfristig anzubieten. Deshalb sollen
sie ab 2010 in die Regelfinanzierung übernommen werden.
Unterdessen liegt das Verfahren gegen Kevins ehemaligen Amtsvormund und
gegen seinen früheren Sachbearbeiter im Jugendamt seit über einem Jahr
beim Landgericht. Wie berichtet, hatte die Staatsanwaltschaft Ende 2007
Anklage wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen gegen die beiden
Männer erhoben. Nach Auskunft von Gerichtssprecher Thorsten Prange muss
nun eine Richterin der zuständigen Kammer für drei Monate freigestellt
werden. In dieser Zeit soll sie die Akten, laut Prange geht es um
mehrere Kartons, durcharbeiten und die Frage beantworten, ob die
Hauptverhandlung eröffnet wird.
[Kommentar Vafk:]
Doch schon so schnell? Die ersten Fristen sind ja schon abgelaufen, und
wenn die so schnell weitermachen, ist der mittlerweile in Pension
gegangene Vormund wohl überhaupt nicht mehr zu belangen - obwohl doch
eigentlich klar sein müsste, dass allein nur die Übernahme von 300
Vormundschaften mehr als grob fahrlässig ist, mit entsprechenden
Konsequenzen für die Schuldfrage an Kevin's Tod.
Kevins tragischer Tod führt nun zu
weitreichenden Veränderungen im Jugendamt: Entscheidungen "nur
nach Aktenlage" sind tabu, Kinder aus Risikofamilien müssen
mindestens zweimal in der Woche "von Fachpersonal" gesehen
werden, statt zwei soll es künftig 6,5 Stellen für
Mitarbeiter geben, die Amtsvormundschaften übernehmen.
[Kommentar Vafk:]
Um "Fachpersonal" in Anführungsstrichen zu sparen, werden also lieber
gleich die Kinder rausgeholt, und in Pflegefamilien und Heime gegeben?
Oder anders herum: Wer überprüft denn die Heime und Plegefamilien? Die
Kinder dort sind Vormündern und Heimen/Pflegefamilien
vollständig ausgeliefert, Eltern bekommen meist kein Umgangsrecht. Die
Kinder können dann in 40 Jahren um Entschädigung betteln.
In jedem Altersheim gibt es eine unabhängige Heimaufsicht, in Kinderheimen/Pflegefamilien aber nicht.
Ein
Leidensweg wie der von Kevin dürfe sich nicht wiederholen,
sagte
Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD). Er stellte die
Neuerungen gestern mit Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter
und
Sozialstaatsrat Joachim Schuster (beide SPD) vor.
Drogenabhängigen
Eltern, die mit dem Ersatzstoff Methadon behandelt werden,
könne
in der Regel nicht zugetraut werden, dass sie ein Kind
verantwortungsvoll versorgen. So formulierte Böhrnsen die
gültige Grundhaltung.
Nur wenn sie sich als zuverlässig
erwiesen, alle Auflagen erfüllten und keine illegalen Drogen
mehr nähmen, könne ein Kind bei süchtigen
Eltern
bleiben - natürlich nur mit intensiver Unterstützung
etwa
eines Familienhelfers, einer Tagesmutter oder einer Familienhebamme.
Auf dem Papier gilt diese
Linie schon lange, wurde aber nicht immer
strikt befolgt. Böhrnsen sprach in diesem Zusammenhang von
"organisierter Unverantwortlichkeit".
...
Kommentar:
Na, die aktuelle Umorganisation der Unverantwortlichkeit haut uns nicht vom Hocker.
Nach eineinhalb Jahren also weiter die Feststellung von Unorganisiertheit im Jugendamt. Wann begreifen die Leute eigentlich, dass der Sozialbereich schlicht unregierbar ist?