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Zitiert aus:

Weser-Kurier

vom 28.3.2009

mit Kommentaren VafK, LV Bremen


Entlastung muss warten 
Jugendamt setzt ehrenamtliche Vormünder nur schleppend ein / DRK hat seit 2007 rund 60 Menschen ausgebildet
Von Elke Gundel

BREMEN. Völlig überlastet. So fiel die Lagebeschreibung für Bremens Amtsvormünder aus, als sie nach Kevins Tod ins Blickfeld rückten. Denn bekanntlich starb der Zweijährige unter staatlicher Aufsicht: Das Sorgerecht für den Jungen lag beim Jugendamt. Rasch wurde die Abteilung verstärkt. Weitere Entlastung sollten ehrenamtliche Vormünder bringen, die inzwischen vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) geschult worden sind. Allerdings überlässt ihnen das Jugendamt offenbar nur sehr zögerlich Einzel-Vormundschaften.

Beobachter schütteln deshalb den Kopf und fragen sich: Wie passt das zusammen? Sie haben noch die Klage der Amtsvormünder im Ohr, dass angesichts der vielen Fälle kaum Zeit bleibe, sich um die einzelnen Kinder zu kümmern. Das war vorgebracht worden, kurz nachdem Kevins stark verweste Leiche Anfang Oktober 2006 im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters entdeckt worden war.

Der Tod des Jungen, quasi vor den Augen des Jugendamtes, hatte in ganz Deutschland für Erschütterung gesorgt. In Bremen arbeitete ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss das behördliche Versagen auf, nicht nur der Leiter des Amtes für Soziale Dienste musste gehen. Auch Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat zurück. Und nun, so die Kritik hinter vorgehaltener Hand, falle es den Amtsvormündern augenscheinlich schwer, einen kleinen Teil ihrer Arbeit an Ehrenamtliche abzutreten. Das sei dann doch ein gewisser Widerspruch.

Petra Kodré, Sprecherin des Sozialressorts, sagt dagegen: "Es eignet sich nicht jeder Fall, um einen ehrenamtlichen Vormund damit zu betrauen." So sei zusammen mit dem DRK, das die Ehrenamtlichen im Rahmen des Projektes proCuraKids schult, eine Kriterienliste erstellt worden. Ausgeklammert wird dabei eine ganze Reihe an Konstellationen, die als problematisch gelten. Zum Beispiel: Es gibt Auseinandersetzungen zwischen den leiblichen und den Pflegeeltern; in der Familie gibt es erhebliche Probleme mit Drogen, Alkohol, Kriminalität; die Familie lehnt einen Vormund vehement ab.

[Kommentar Vafk:]
Fragt sich, wann denn überhaupt externe Vormünder eingesetzt werden, denn bei diesen Kriterien bleiben fast nur noch Vormundschaften für Vollwaisen übrig. Dass Eltern zu Jugendamt und Vormund einige Kritik haben, ist angesichts der aktuellen Zustände bei fast jeder Vormundschaft der Fall.
Insgesamt geht es wohl eher darum, dass das Jugendamt sich nicht in die Karten schauen lassen will, und die Hintergründe von berechtigter Kritik nicht ausserhalb des Jugendamtes bekannt werden sollen.
 
"Über die Kriterien herrscht Einigkeit", sagt Petra Kodré. Das Problem sei jedoch der Zeitaufwand, der damit verbunden ist, die geeigneten Fälle für die Ehrenamtlichen herauszusuchen.

Insgesamt seien seit Frühjahr 2007 gut 60 Menschen vom Deutschen Roten Kreuz für die Übernahme von Einzel-Vormundschaften geschult worden. 36 warteten noch darauf, eingesetzt zu werden. Sozial-Staatsrat Joachim Schuster (SPD) habe das Jugendamt nun aber schriftlich darum gebeten, die Sache zügig voranzutreiben.

Vor Kevins Tod hat es Petra Kodré zufolge 2,75 Stellen im Bereich der Amtsvormundschaften gegeben. Damals habe sich jeder Mitarbeiter um über 600 Mündel kümmern müssen. Damit hatte Bremen seinerzeit, wie berichtet, bundesweit den Spitzenplatz inne. Nun liege die Zahl der Planstellen bei 6,5 - und aktuell seien sogar 8,5 Stellen besetzt, fügt die Ressortsprecherin hinzu. Zwei Mitarbeiter würden gerade eingearbeitet, was angesichts der komplexen Aufgabe einige Zeit in Anspruch nehme. Durchschnittlich kümmere sich nun jeder Mitarbeiter um etwa 100 Kinder. Das entspricht nach Ressortangaben dem Bundesdurchschnitt von 80 bis 100 Fällen pro Amtsvormund.

[Kommentar Vafk:]
Der bundesweit gültige Soll-Schlüssel beträgt 40 bis 80 Kinder pro Vormund, voll eingearbeitete Vormünder und besetzte Planstellen vorausgesetzt.

Ferner laufen Mitarbeiterinnen des Jugendamtes wie der Rattenfänger von Hameln durch die Stadt, und entsorgen beiderseits, was das Zeug hält. Es gibt damit heute weit mehr als 600 Mündel, die Zahlen lassen auf etwa die doppelte Zahl der neu hinzukommenden pro Jahr im vergleich zu den Zeiten vor Kevins Tod schließen.

Damit ist Bremen also weiterhin weit hinter den Bundes-Standards hinterher.
Kindeswohl vor Haushaltslage?
Die nächsten Skandale, bzw. das Öffentlich Werden dieser Skandale ist damit absehbar.

Ehrenamtliche mit Einzel-Vormundschaften zu betrauen - das soll dauerhaft etabliert werden, sagt die Ressortsprecherin. Derzeit laufe die Schulung beim DRK als Modellprojekt, das vom Sozialressort mit 88 000 Euro finanziert worden sei.

[Kommentar Vafk:]
Das sind bei DRK-Stundensätzen etwa 1,5 - 2 Personen für ein Jahr - für Schulungen und Verwaltung. Die Vormünder sollen natürlich ehrenamtlich arbeiten. Dass das nicht funktioniert, ist von vorn herein klar.

Ziel sei es aber, die Schulungen langfristig anzubieten. Deshalb sollen sie ab 2010 in die Regelfinanzierung übernommen werden.

Unterdessen liegt das Verfahren gegen Kevins ehemaligen Amtsvormund und gegen seinen früheren Sachbearbeiter im Jugendamt seit über einem Jahr beim Landgericht. Wie berichtet, hatte die Staatsanwaltschaft Ende 2007 Anklage wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen gegen die beiden Männer erhoben. Nach Auskunft von Gerichtssprecher Thorsten Prange muss nun eine Richterin der zuständigen Kammer für drei Monate freigestellt werden. In dieser Zeit soll sie die Akten, laut Prange geht es um mehrere Kartons, durcharbeiten und die Frage beantworten, ob die Hauptverhandlung eröffnet wird.

[Kommentar Vafk:]
Doch schon so schnell? Die ersten Fristen sind ja schon abgelaufen, und wenn die so schnell weitermachen, ist der mittlerweile in Pension gegangene Vormund wohl überhaupt nicht mehr zu belangen - obwohl doch eigentlich klar sein müsste, dass allein nur die Übernahme von 300 Vormundschaften mehr als grob fahrlässig ist, mit entsprechenden Konsequenzen für die Schuldfrage an Kevin's Tod.

Kevins tragischer Tod führt nun zu weitreichenden Veränderungen im Jugendamt: Entscheidungen "nur nach Aktenlage" sind tabu, Kinder aus Risikofamilien müssen mindestens zweimal in der Woche "von Fachpersonal" gesehen werden, statt zwei soll es künftig 6,5 Stellen für Mitarbeiter geben, die Amtsvormundschaften übernehmen.

[Kommentar Vafk:]
Um "Fachpersonal" in Anführungsstrichen zu sparen, werden also lieber gleich die Kinder rausgeholt, und in Pflegefamilien und Heime gegeben? Oder anders herum: Wer überprüft denn die Heime und Plegefamilien? Die Kinder dort sind Vormündern und Heimen/Pflegefamilien vollständig ausgeliefert, Eltern bekommen meist kein Umgangsrecht. Die Kinder können dann in 40 Jahren um Entschädigung betteln.

In jedem Altersheim gibt es eine unabhängige Heimaufsicht, in Kinderheimen/Pflegefamilien aber nicht.


Ein Leidensweg wie der von Kevin dürfe sich nicht wiederholen, sagte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD). Er stellte die Neuerungen gestern mit Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter und Sozialstaatsrat Joachim Schuster (beide SPD) vor. Drogenabhängigen Eltern, die mit dem Ersatzstoff Methadon behandelt werden, könne in der Regel nicht zugetraut werden, dass sie ein Kind verantwortungsvoll versorgen. So formulierte Böhrnsen die gültige Grundhaltung.

Nur wenn sie sich als zuverlässig erwiesen, alle Auflagen erfüllten und keine illegalen Drogen mehr nähmen, könne ein Kind bei süchtigen Eltern bleiben - natürlich nur mit intensiver Unterstützung etwa eines Familienhelfers, einer Tagesmutter oder einer Familienhebamme. Auf dem Papier gilt diese Linie schon lange, wurde aber nicht immer strikt befolgt. Böhrnsen sprach in diesem Zusammenhang von "organisierter Unverantwortlichkeit".

...

Kommentar:

Na, die aktuelle Umorganisation der Unverantwortlichkeit haut uns nicht vom Hocker.

Nach eineinhalb Jahren also weiter die Feststellung von Unorganisiertheit im Jugendamt. Wann begreifen die Leute eigentlich, dass der Sozialbereich schlicht unregierbar ist?


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