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Zitiert aus:

Weser-Kurier

vom 9.1.07

mit Kommentaren VafK, LV Bremen


Das Kind sehen, nicht die Akte
Bürgermeister und Sozialsenatorin kündigen Umstrukturierungen im Jugendamt an

Von Elke Gundel

BREMEN. Kevins tragischer Tod führt nun zu weitreichenden Veränderungen im Jugendamt: Entscheidungen "nur nach Aktenlage" sind tabu, Kinder aus Risikofamilien müssen mindestens zweimal in der Woche "von Fachpersonal" gesehen werden, statt zwei soll es künftig 6,5 Stellen für Mitarbeiter geben, die Amtsvormundschaften übernehmen.

Ein Leidensweg wie der von Kevin dürfe sich nicht wiederholen, sagte Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD). Er stellte die Neuerungen gestern mit Sozialsenatorin Ingelore Rosenkötter und Sozialstaatsrat Joachim Schuster (beide SPD) vor. Drogenabhängigen Eltern, die mit dem Ersatzstoff Methadon behandelt werden, könne in der Regel nicht zugetraut werden, dass sie ein Kind verantwortungsvoll versorgen. So formulierte Böhrnsen die gültige Grundhaltung.

Nur wenn sie sich als zuverlässig erwiesen, alle Auflagen erfüllten und keine illegalen Drogen mehr nähmen, könne ein Kind bei süchtigen Eltern bleiben - natürlich nur mit intensiver Unterstützung etwa eines Familienhelfers, einer Tagesmutter oder einer Familienhebamme. Auf dem Papier gilt diese Linie schon lange, wurde aber nicht immer strikt befolgt. Böhrnsen sprach in diesem Zusammenhang von "organisierter Unverantwortlichkeit": "Es wurde nicht konsequent genug hingeschaut.

Kommentar:

Das sehen wir ähnlich. Nur interessiert natürlich auch die Frage, wer denn die Organisatoren sind. Die aktuellen Meldung laufen darauf hinaus, dass diese nun auch die sogenannten Neuerungen organisieren. In Bremen nichts Neues also.

"Was die Finanzierung der eingeleiteten Umstrukturierung angeht, nannte der Bürgermeister keine Zahlen. Aber er betonte: "Das Kindeswohl steht über jeder Haushaltslage." Bremen werde das ausgeben, was nötig sei, um die Kinder- und Jugendhilfe effektiv zu verbessern.

Kommentar:

Zum Kindeswohl gehört auch anständige Bildung und Ausbildung der öffentlich Erziehenden. Wir gehen davon aus, dass auch dort, also in Kindergärten und Schulen mindestens Finanzmittel fließen, wie im Bundesdurchschnitt üblich, von europäischem Niveau ganz zu schweigen.

Um zu erfahren, ob das geschieht, wäre natürlich notwendig, dass auch ein Haushalt in der Form aufgestellt wird wie in anderen Bundesländern. Ansonsten ergibt sich der Verdacht, dass es mit den Zahlen des Haushaltes ähnliches auf sich hat, wie mit der Art der Dokumentation in Jugendämtern.

Kevins Schicksal habe die Bevölkerung stark "sensibilisiert", sagte Ingelore Rosenkötter. Bei der Sozialbehörde seien "weit mehr" Hinweise auf möglicherweise vernachlässigte Kinder eingegangen als sonst. Das habe in rund 100 Fällen dazu geführt, die betroffenen Mädchen oder Jungen aus den Familien zu nehmen.

Tatsache:

In Bremen gab es auch schon vor dem Fall Kevin weit mehr Kinder in Pflegefamilien als irgendwo sonst in der Bundesrepublik. Diese Zahl beruhigt uns nicht, sondern lässt uns befürchten, dass sich an dem eigentlichen Behördenverhalten nichts ändert: Verantwortliche sind vorwiegend bestrebt, ihr eigenes obrigkeitsstaatliches Handeln gegen Eltern vor äußeren Vorwürfen zu schützen. Es muss eine inhaltliche Kontrolle sämtlicher Fälle der letzten Jahre durchgeführt werden, in denen es die Frage war, ob ein Kind bei den Eltern oder einem Elternteil bleiben kann. Wir erwarten, dass dabei festgestellt wird, dass diverse Kinder überhaupt nicht in eine Pflegefamilie gehören, sondern durchaus Familienangehörige vorhanden sind, die völlig normal erziehungsfähig sind, aber durch Behördenverhalten aus der Erziehung gedrängt wurden.

Nun werde ein Notfall-Telefon geschaltet, über das das Jugendamt rund um die Uhr erreichbar sei. Demnächst soll außerdem ein Krisendienst die Arbeit aufnehmen, der Familien in akuten Schwierigkeiten sofort besuchen kann. Entscheidungen "nur nach Aktenlage" würden nicht mehr akzeptiert.

"Die Mitarbeiter müssen wieder verstärkt in die Familien gehen", betonte Rosenkötter. Kinder aus Risikofamilien müssten mindestens zweimal wöchentlich von einer Fachkraft gesehen werden - zum Beispiel vom Sozialarbeiter der Behörde, einer Tagesmutter, einem Kita-Mitarbeiter oder einer Familienhebamme. Für die Aktenführung würden verbindliche Standards eingeführt. Die Entscheidungen des jeweiligen Sachbearbeiters müssten "transparent und nachvollziehbar" sein.

Kommentar:

Hier stellt sich die Frage: Transparent und nachvollziehbar – für wen? Demokraten und Bürgerrechtler/innen würden sagen: Für Alle.

Davon, dass die Möglichkeit geschaffen werden muss, dass Eltern, die mit dem Jugendamt zu tun haben, Hinweise auf mangelhaftes Behördenverhalten geben können – und daraufhin solches Verhalten abgestellt wird - haben wir noch nicht gehört.

Kevin's Fallmanager muss es auch mit anderen Kindern zu tun gehabt haben, und auch dort muss es mindestens Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Von einer Behörde, in der „organisierte Unverantwortlichkeit“ geschieht, zu verlangen, dass sie sich nunmehr an Vorgaben hält, auch wenn sie sich bislang selbst an Bundesrecht nicht hielt, können wir nur als unverantwortliche, organisierende Blauäugigkeit bezeichnen. An die Behörde und die damit in Zusammenhang stehenden Strukturen muss mit einer Methodik herangegangen werden, die sonst nur in der Korruptionsbekämpfung üblich ist. Wesentliches Element ist eine Art Beschwerdestelle, die außerhalb der Strukturen angesiedelt ist.

Nur dann sei gewährleistet, dass etwa eine Urlaubsvertretung oder die Vorgesetzten mit den Unterlagen arbeiten können. Jeder Verdacht auf Kindesmisshandlung müsse künftig gemeldet werden. Zudem wolle Bremen - notfalls auch im Alleingang - Regelungen zu verbindlichen Vorsorgeuntersuchungen von Kindern zwischen sechs Monaten und fünfeinhalb Jahren einführen. 

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