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Zitiert aus:
Weser-Kurier
15.2.2007

Bremen hält Spitze bei Vormundschaften

Höchste Fallzahlen in ganz Deutschland
Von unserem Redakteur
Volker Junck

BREMEN. Bremen ist einsame Spitze in Deutschland. Zumindest bei den Fallzahlen, die ein behördlich bestellter Amtsvormund zu bearbeiten hat. Das wurde gestern im parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Kindeswohl" bestätigt. In den Zeugenstand geladen war eine Mitarbeiterin des Amtes für Soziale Dienste, um die Erkenntnisse des Ausschusses zu vertiefen, wie es zum Tod von Kevin kommen konnte. Die Frau gab an, zusammen mit einem Kollegen und einer weiteren Teilzeitkraft stets für 600 bis 650 Amtsvormundschaften verantwortlich zu sein.
Bei rund 260 ihr zugeordneten Fällen sei ein persönlicher Kontakt zu allen Kindern und Jugendlichen in staatlicher Obhut unmöglich.

Eingaben an die Amtsleitung und eine Überlastanzeige seien ohne jede Resonanz geblieben. "Niemand in Deutschland hat annähernd so hohe Fallzahlen", wisse sie von überregionalen Fachtagungen. Als Reaktion auf den Fall Kevin seien nun zwei neue Mitarbeiterinnen eingestellt worden, so dass sich die Fallzahl nach Einarbeitung auf etwa 90 pro Vormund reduzieren könnte. Zudem laufe ab März ein Modellprojekt in Trägerschaft des DRK zur Vergabe von ehrenamtlichen Einzel-Vormundschaften.

Doch die Zusammenarbeit mit den Fallmanagern in den sechs städtischen Sozialzentren sei immer noch problematisch, wie Ausschuss-Mitglied Hermann Kleen (SPD) auf Nachfrage erfuhr. So gebe es keine automatische Meldung an die Amtsvormünder etwa über Kindesmisshandlungen, polizeiliche Notfalllagen oder familiäre Krisensituationen. Auch der Amtsvormund von Kevin hatte keinerlei Informationen über die Vorgeschichte der drogenabhängigen Mutter und ihres Partners, der damals noch als Kevins Vater galt, mit all seinen Vorstrafen. "Sonst würde Kevin wahrscheinlich noch leben", merkte der Ausschuss-Vorsitzende Helmut Pflugradt (CDU) leise an.
Jürgen Blandow, pensionierter Hochschullehrer für Sozialpädagogik und Verfasser zahlreicher Untersuchungen im Bereich Jugendhilfe, bestätigte Bremens einsame Spitzenstellung bei den Fallzahlen für Amtsvormünder.
Doch auch bei den absoluten Zahlen von Sorgerechts-Entzügen konkurriere Bremen immer mit Berlin um die Spitzenposition.

Kommentar:
Das verstehen wir also mal so:
Erstens werden in Bremen neben Berlin am meisten Kinder aus den Familien abgeholt und "fremdplatziert".
Zweitens funktioniert das gesamte Jugendamts-System nicht, die Leute dort sind überlastet, und können daher keinerlei qualifizierte Aussagen über die Lebensverhältnisse der Kinder machen.
Es kann also niemand mit Sicherheit sagen, dass die Kinder überhaupt aus den Verhältnissen raus mussten, oder ob andere Kinder, wie eben Kevin, hätten rausgeholt werden müssen, noch ist klar, was mit den Kindern hinterher geschieht.
Die Frage, wie Kevin's Leben weitergegangen wäre, wenn er dort herausgeholt worden wäre, und was es denn am neuen Aufenthaltsort mit Kindeswohl auf sich hat, wurde noch nicht gestellt.
Der obrigkeitshörige Glaube Jugendamt=Kindeswohl hängt offenbar hammerhart in den Köpfen des Untersuchungsausschusses, und kann auch nicht dadurch erweicht werden, dass vom Sachbearbeiter bis hinauf zur Senatorin wohl alle Leute geflogen bzw. versetzt wurden. Alles Anderes ist schon ganz OK?

Auf Nachfrage von Klaus Möhle (Grüne) bestätigte der Wissenschaftler ebenfalls, dass es erhebliche Defizite beim Informationsfluss zwischen Fallmanagern und Vormündern gebe. Die größte Schwachstelle im System sei die Entscheidung der Amtsvormünder nach Aktenlage statt des persönlichen Umgangs mit betroffenen Familien und Mündeln. Wobei theoretisch alles hervorragend durch Dienstanweisungen und fundierte Konzepte geregelt sei, wie der Ausschuss von Herbert Holakovsky, Leiter des Referates Erzieherische Hilfen im Amt für Soziale Dienste, erfuhr. In der Praxis allerdings, so Helmut Pflugradt, funktioniere vieles nicht, weil der personelle Rahmen fehle. Hermann Kleen formulierte es noch etwas drastischer: "Das sind Konzepte für die Mülltonne."

Kommentar:
Das möchten wir dann auch im Abschlussbericht genau so lesen, und zwar mit konkreten Handlungsvorschlägen, die öffentlich zur Diskussion gestellt werden, und zwar dort, wo das größte Problem besteht: In Gröpelingen!

Massive Kritik am gesamten System der Jugendhilfe hatte auch Erwin B., Leiter des Sozialamtes Gröpelingen/Walle geäußert. ... Gröpelingen betreffe es ganz besonders, weil die Zahl der hilfsbedürftigen Familien durch ständigen Zuzug mittlerweile doppelt so hoch sei wie im übrigen Stadtgebiet. B.: "Wir können alles nur suboptimal organisieren."

Kommentar:
Daraus können wir nur schließen, dass die Mittel für "Kindeswohl" nach Einwohnerzahl verteilt werden, und nicht nach Zahl der Trennungen, Scheidungen, aber auch Junkies, Kriminalitätsrate, Schulabbrecher  usw., also möglichen Kindeswohlgefährdungen.


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