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Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Die Parlamentarische Staatssekretärin
12. Juli 2000

Sehr geehrter Herr Müller,

Ihr Schreiben vom 20.3.2000 habe ich erhalten. Sie erheben darin den Anspruch, belegen zu können, dann "nach aktuellem Stand der Forschung Frauen und Männer gleichhäufig verantwortlich für häusliche Gewalt sind. Sie äußern sich zu Prävalenzschätzungen für das Vorkommen physischer Angriffe aller Art sowie von schweren Gewalthandlungen in engen sozialen Beziehungen, zur mutmaßlichen Dynamik dieser Handlungen (wer die Gewalt zu verantworten bzw. initiiert hat). Sie beziehen sich ferner auf methodologische Kontroversen innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschung.

Dies hat mich zunächst veranlasst, eine ausgewiesene Expertin um Stellungnahme zu Ihrem Vorbringen zu bitten. Frau Professor Dr. Carol Hagemann-White, Universität Osnabrück, teilt mit:

"Unterschiedliche, auf den ersten Blick sich widersprechende Forschungsergebnisse haben ihren Grund oft darin, dass sie nur scheinbar auf die gleichen Fragen antworten, in Wirklichkeit aber unterschiedliche Gegenstände mit verschiedenen Methoden untersucht haben. Kontroversen entstehen v.a. dann, wenn die Autoren auf der Basis einer begrenzten empirischen Studie weitreichende gesellschaftliche Überlegungen über die mögliche Bedeutung ihrer Befunde anstellen .... Debatten dieser Art gehören zur Lebendigkeit von Wissenschaft ... . Herr Müller bezieht sich auf eine vor allem in den USA heftig geführte Kontroverse darüber, ob Frauen ebenso häufig wie Männer Gewalt in Beziehungen ausüben und wie entsprechende Daten zu erheben und zu interpretieren sind. Die jeweils vorgebrachten Zahlen sind erst zu verstehen, wenn berücksichtigt wird:

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Die Forschungen von Straus und seiner Schule, auf die sich Herr Müller bezieht, sind nur aus dem kulturellen, methodischen und theoretischen Kontext heraus zu verstehen und zu interpretieren. Kulturell ist diese Forschung in einer Gesellschaft angesiedelt, in der es alltäglich, öffentlich und unproblematisch erscheint, Kinder zu schlagen. Die Entdeckung, dass in Ehen auch verbreitet geschlagen wird, hat Straus und Gelles zu der Überzeugung geführt, dass die amerikanische Familie als Ort erlebt wird, der physische Übergriffe erlaubt und rechtfertigt. Sie haben sich daher für einen kulturellen Wandel der amerikanischen Familie engagiert, um Normen für eine friedliche Konfliktaustragung zu etablieren. Dabei sind sie zu Annahmen gelangt, die Carol Hagemann-White als "Domino-Theorie häuslicher Gewalt" bezeichnet hat: Wenn Menschen die Schwelle zur physischen Tätlichkeit überschreiten, wie geringfügig und impulsiv auch immer, steige die Wahrscheinlichkeit an, dass sie immer gewalttätiger werden. Diese Annahme führt zu der (sonst schwer verständlichen) Bewertung jeglichen körperlichen Zugriffs auf einen anderen Menschen als schwerwiegend und gefährlich und als schlimmer als jede Art verbaler und psychischer Kränkung oder Verletzung. Straus verficht überzeugt die These, dass eine Hemmschwelle errichtet werden muss, um jede Art von Schlagen oder aggressivem Anfassen zu unterbinden und dass dies der einzig wirksame Weg der Prävention gegenüber Kindesmisshandlung und Frauenmisshandlung bzw. Misshandlung in der Ehe sei.

Dies ist ein ehrenwertes Anliegen. Die gegenwärtige Kontroverse um das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung in der Bundesrepublik zeigt allerdings, dass es auch unter ehrenwertes Menschen unterschiedliche Auffassungen zur Frage der generellen Ächtung aller Körperstrafen geben kann, ohne dass man sich wechselseitig vorwerfen müsste, die Kindesmisshandlung zu befürworten.

Aus dem theoretischen und präventionspolitischen Grundansatz von Straus folgt die Konstruktion seines methodischen Forschungsinstruments, die sogenannte "conflict-tactics-scale" (GTS). Darin werden einzelne Handlungen, die möglicherweise Gewaltcharakter haben könnten, in eine aufsteigende Reihenfolge gesetzt und abgefragt, wobei alle physischen Äußerungen von Aggression als auf der Skala höher (also gewalttätiger) bewertet werden als alle emotionalen oder verbalen Äußerungen. Hier spiegelt sich die Überzeugung von Straus, dass die Überschreitung der Grenze zur handgreiflichen Aggression sozusagen die "Einstiegsdroge" für schwere Gewalt ist, Insgesamt

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verwendet der Fragebogen in seiner Langfassung jedoch eine breite Palette von möglichen emotionalen Äußerungen, die eingesetzt werden könnten, etwas durchzusetzen; so gibt es in einer Version der CTS als Gewaltform das Weinen, was in den frühen Studien zu der relativ hohen Häufigkeit weiblicher "Gewalthandlungen" beigetragen hat. Bei den umstrittenen neueren Veröffentlichungen beschränkt sich die Auswertung jedoch meist auf körperliche Angriffe.

Es ist nicht das Anliegen von der dieser Forschungsgruppe, Erkenntnisse über schwerwiegende und anhaltende Gewaltverhältnisse im sozialen Nahraum zu gewinnen, sondern es geht ihnen viel eher darum, die Normalität von Tätlichkeiten im alltäglichen Zusammenleben zu belegen und als problematisch zu bewerten. Daher wird Gewalt ausschließlich als Mittel der lnteressendurchsetzung in Konfliktsituationen gefasst. Die Einleitung zum Fragebogen CTS lautet wie folgt:

"Auch wenn ein Paar sich bestens versteht, kommt es immer einmal vor, dass sie sich uneinig sind, sich jeweils über den anderen ärgern, oder sie haben Streit oder Zank nur, weil sie schlechter Laune sind, oder müde, oder aus anderen Gründen. Sie setzen viele verschiedene Mittel ein, mit denen sie ihre Differenzen zu regeln versuchen. Ich werde eine Liste von Dingen vorlesen, die Sie oder Ihr Partner möglicherweise tun könnten, wenn sie miteinander Streit haben. Bitte sagen Sie mir, wie oft in den letzten zwölf Monates (Sie selbst) (Ihr Partnur) dies getan hat." (Straus/ Gelles 1990, Ubersetzung CHW).

Kurzum: Das Instrument der CTS ist sehr wohl geeignet, die Verbreitung von geringfügigen oder heftigen Tätlichkeiten im täglichen Streitgeschehen zu erfassen, nicht aber dafür, Misshandlungssituationen zu erfassen.

Dies wird von Murray Straus selbst auch bestätigt. Er führt in seinen Veröffentlichungen aus, dass seine Daten über Tätlichkeiten in Beziehungen nicht mit dem Problemfeld der Misshandlung in Ehe und Partnerschaft deckungsgleich sind bzw. diese Zielgruppe wenig bis gar nicht erreicht. Er geht explizit selbst davon aus, dass Misshandlung in der Ehe ein qualitativ anderes Problemfeld darstellt, als das, zu dem seine Forschung geht. Dabei warnt er insbesondere vor dem Denkfehler, anzunehmen, nur das existiere wirklich, was in einer repräsentativen Erhebung erfasst wird (‚representitiv sarnple fallacy‘, s. Straus 1990).

Straus vergleicht die Untergruppe von Frauen aus seiner nationalen Survey (1985), die physische Gewalt vom Partner erlebt hatten, mit den Frauen, die in zwei Studien mit dem gleichen Erbebungsinstrument befragt wurden, nachdem sie ein Frauenhaus aufgesucht hatten. Es zeigte sich, dass es sich um ganz unterschiedliche Gruppen gehandelt hat. Die in der nationalen Survey Befragten hatten durchschnittlich sechsmal im Jahr einen tätlichen Übergriff des Mannes erlebt, in vielen Fällen handelt es sich um geringfügige Angriffe, etwa einen einzelnen Schlag mit der Hand, und sie gaben ihrerseits an, dass sie öfters zurückgeschlagen oder auch zuerst geschlagen hatten. Es waren dies also Paare, in denen die körperliche Äußerung von Ärger zur Normalität gehörte, dies aber eben nur hin und wieder vorkam. Die Frauen hingegen, die in einem Frauenhaus Schutz

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gesucht hatten, waren durchschnittlich 65- bis 68-mal im Jahr von ihren Männern geschlagen worden, und sie selbst hatten fast nie ihre Männer geschlagen. Straus unterstreicht, dass die Betroffenen von solcher massiven Gewalt, die häufiger als wöchentlich Prügel erlebten und es selbst nicht mehr wagten, sich zu wehren, in seiner nationalen Survey extrem unterrepräsentiert sind. In einem Sample von 6.002 Befragten gab es nur vier Frauen, die ähnlich häufig geschlagen worden waren wie die Frauen im Frauenhaus und nur 13, die jemals ein Frauenhaus aufgesucht hatten. Offensichtlich war die Methode seiner Survey nicht geeignet, Aussagen über das sehr ernsthafte Problem der Misshandlung in Ehen zu ergeben, was Straus selbst betont. Ähnliches gilt übrigens auch für Kindesmisshandlung.

Nach den veröffentlichten Ausführungen von Straus selber ist also seine Forschung weder geeignet noch darauf angelegt, die Verbreitung von massiver Gewalt in der Familie, wie dies unter dem Begriff Misshandlung ins öffentliche Bewusstsein der letzten Jahrzehnte gelangt ist und Anlass für politische Maßnahmen wurde, überhaupt zu erfassen. Demzufolge können seine Daten darüber, wie viel Frauen und wie viel Männer durch Lebenspartner des eigenen oder des anderen Geschlechts Tätlichkeiten erfahren haben, nicht als Prävalenzaussagen über häusliche Gewalt im politisch relevanten Sinne interpretiert werden. Ein Zusammenhang wird erst durch die Theorie hergestellt, über die man durchaus unterschiedlicher Meinung sein kann, dass Menschen, die Tätlichkeiten überhaupt tolerieren oder ausüben, mehr als andere als Risikogruppe für hässliche Gewalt zu betrachten sind. Eine solche These müsste allerdings durch Langzeitstudien belegt werden....

... die repräsentativen Umfragen mit Hilfe des Instrumentes CTS ergeben zwar, dass viele Männer angeben, von Tätlichkeiten im sozialen Nahraum betroffen zu nein. Es gibt jedoch bislang weder qualitative empirische Studien zur Situation der in der Familie misshandelten Männer, noch konstruktive Vorschläge für adäquate und geeignete Hilfsangebote."

Dem möchte ich aus meiner Sicht zufügen: Selbst wenn sich für Europa bestätigen würde, dass Männer ähnlich oft von ihren Frauen misshandelt werden wie Frauen von Männern, so könnte die Politik nicht daraus schließen, den von Gewalt betroffenen Frauen nicht mehr zu helfen.

Letztlich ist es die Pflicht und Verantwortung des Gemeinwesens, jeder individuellen Gewalttätigkeit so wirksam wie möglich entgegenzutreten. Allerdings ist die Politik für Impulse, Initiativen und Praxiskonzepte auf die Gesellschaft, auf das Engagement und die Kreativität nichtstaatlicher Organisationen angewiesen. Dies war bekanntlich z.B. bei der Entstehung der Frauenhäuser der Fall.

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Zu Gunsten der Gruppe misshandelter Männer — so klein oder so groß sie auch sein mag — sind bislang keine vergleichbaren Vorschläge oder Initiativen entstanden; sie werden in Ihrem Schreiben auch nicht angedeutet. Solche Männer werden jedoch auch von dem geplanten "Gesetz zur Verbesserung des zivilgerichtlichen Schutzes bei Gewalttaten sowie zur Erleichterung der Überlassung der Ehewohnung bei Trennung, das selbstverständlich geschlechtsneutral formuliert ist, protitieren können, sofern sie bereit sind, Hilfe zu suchen. Von familiärer Gewalt betroffene Männer können sich heute an Beratungsstellen wie die Opferhilfe Hamburg wenden, sie können bei Männerberatungsstellen und bei allgemeinen Ehe- und Familienberatungsstellen vorsprechen. Bislang gibt es aus diesen unterschiedlichen Beratungsstellen jedoch noch keine Berichte über die Situation und die Bedürfnisse betroffener Männer, und es sind keine Initiativen bekannt, eine Hilfe einzurichten, die dem spezifischen Bedarf gerecht würde.

Wissenschaftliche Kontroversen darüber, wie viele misshandelte Männer es tatsächlich gibt, werden nicht zur praktischen Konsequenz führen können, einen Aktionsplan der Bundesregierung zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu unterlassen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Edith Niehuis




hg
www.vafk.de/Gewaltschutz
Eine Informationsseite des Väteraufbruch für Kinder e.V.

Kontakt: gewaltschutz@vafk.de