PAS

Mit das schlimmste was einem Kind nach der Trennung /Scheidung der Eltern passieren kann ist das es an  dem  Parental Alienation Syndrome (PAS) erkranken kann.
Das schlimme daran ist, das es keine Krankheit in dem Sinne ist sondern eine manipulierte Krankheit des Elternteils bei dem sich das Kind überwiegend aufhält.

Kinder bekommen sehr schnell mit in was für einem Gefühlsklima sie leben, das vor Ablehnung und Wut gegen einen Elternteil „vibriert", übernehmen diese Einstimmung sehr schnell.

Sie leben die vermittelten Gefühle aus, ohne zu wissen, warum sie so aufgeladen sind.

Das fatale daran ist das diese Kinder, die meistens von Müttern  gegen die Väter manipuliert werden,  ihr Leben lang  nicht mehr geheilt werden können. In vielen Fällen wird es diesen Kindern nicht gelingen, im späteren Leben eine vernünftige Mann/Frau Beziehung  führen zu können.
Leider wird diese Krankheit bis heute in Deutschland von vielen Richtern, Jugendamtsmitarbeitern, und Gutachtern nicht wirklich ernst genommen, bzw.  nur belächelt.

Genaue Info´s über PAS, die Ursache und die Folgen erläutert:

Richard A. Gardner 


Weiterhin möchten wir hier noch auf einen sehr  interessanten Bericht von Herrn  Prof. Dr. rer. nat. WOLFGANG KLENNER hinweisen.

Rituale der Umgangsvereitelung bei getrennt lebenden oder geschiedenen Eltern

WOLFGANG KLENNER

- Eine psychologische Studie zur elterlichen Verantwortung


(Auch uns hat Prof. Klennen persönlich mit seinem Fachwissen hilfreich zur Seite gestanden).

Hierfür nochmals herzlichen Dank..!!

 

Ursula Kodjoe

PAS – Die feindselige Ablehnung eines Elternteils durch sein Kind
(Vortrag vom November 1998)

Die Resonanz auf die ersten PAS-Veröffentlichungen war ebenso unerwartet wie überwältigend: Väter und Mütter schicken uns ihre Akten zu, um über ihre Erfahrung von Ablehnung und Zurückweisung durch die eigenen Kinder zu berichten. Fast immer bedeutet die aggressive Verweigerung eines Kindes, den Vater oder die Mutter jemals wiederzusehen einen Bruch in der Biographie der Betroffenen.

Was versteht man unter "Parental Alienation Syndrome"?

PAS bedeutet die kompromißlose Zuwendung eines Kindes zu einem, - dem guten, geliebten - Elternteil und die ebenso kompromißlose Abwendung vom anderen, - dem bösen, gehaßten - Elternteil und tritt auf im Kontext von Sorgerechts- und Umgangskonflikten der Eltern.

Drei Faktoren zusammen bewirken die aggressive Ablehnung und die feindselige Zurückweisung eines Elternteils und tragen bei zur Parental Alienation.

Eine hoch konflikthafte Trennungs- und Scheidungsgeschichte des Ehepaares, während welcher die offene oder verdeckte, teils bewußte, teils unbewußte Manipulation der Kinder beginnt. Der betreuende Elternteil beansprucht die Liebe und Zuwendung der Kinder ausschließlich für sich selbst.

Entsprechend ihrer Entwicklungsgeschichte und damit verbunden ihrem Verständnis des familiären Geschehens entstehen eigene Geschichten und Szenarien der Kinder, die ihre feindselige Haltung für sie selbst begründen und rechtfertigen.

Äußere situative Lebensbedingungen der Familie können die Ablehnung der Kinder schüren durch Koalitionsbildung von Freunden und Angehörigen gegen den früheren Ehepartner. Ein Umzug mit den Kindern ans andere Ende des Landes ist eine erfolgversprechende Methode, die Eltern-Kind-Entfremdung voranzutreiben.

Mitwirkende an der Beibehaltung von PAS können scheidungsbegleitende Professionen sein, Rechtsanwälte, Sozialarbeiter, Gutachter und Familienrichter, die sich die subjektiven Darstellung eines Elternteils zu eigen machen und daraus folgerichtig den längst zerstörten Kindeswillens als Ausdruck emotionaler und rationaler autonomer Entscheidungsprozesse werten.

Das frühzeitige Erkennen einer dysfunktionalen Entwicklung der Familienbeziehungen und das Einsetzen von Möglichkeiten, zur Konfliktlösung und zur familiären Reorganisation muß getragen werden von allen am Prozess Beteiligten: die Kooperation aller professionellen Scheidungsbegleiter und eine sinnvolle Koordinierung außergerichtlicher wie gerichtlicher Interventionsmöglichkeiten sind gefragt. Erfolg oder Mißerfolg der jeweiligen Bemühungen hängen maßgeblich von einer Übereinstimmung davon ab, in wieweit die entwicklungspsychologische Forschungsevidenz in das Bewußtsein gelangt ist und in wieweit davon abgeleitet der Paradigmenwechsel vom Blick auf das Elternrecht zur Sicht des Kindes und seiner Rechte vollzogen wird.

Der vorliegenden Arbeit werden deshalb zwei Leitsätze vorangestellt:

An dieser Stelle möchte ich die Definition emotionaler Kindesmißhandlung der amerikanischen Bundesorganisation "Children Protection Services" und des "Children’s Rights Council" vermitteln:

Unter emotionaler Kindesmißhandlung sind Muster von psychologisch destruktivem Verhalten zu verstehen, denen Kinder ausgesetzt werden:

Wie aus der Bedürftigkeit von Eltern ein PAS Syndrom bei Kindern entsteht

Psychodynamik der Eltern

Nach dem Tod eines nahen Angehörigen sind Trennung und Scheidung für die betroffenen Männer, Frauen und Kinder über Jahre hinweg die Lebensereignisse, die ihre Welt am nachhaltigsten erschüttern. Ihre Bewältigung stellt hohe Anforderungen an die Betroffenen, für die aus der "Problemlösung Scheidung" völlig neue, unerwartete Probleme entstehen.

Eine konstruktive Verarbeitung der schmerzlichen Erfahrungen, der Trauer, der Verlust- und Verlassenheitsängste, der enttäuschten Hoffnungen und unerfüllten Erwartungen ist die Voraussetzung, um neue Chancen für das eigene Leben entdecken und nutzen zu können. Die Bedürfnisse der Kinder nach weitergehender Beziehung zu beiden Eltern erfordert die Reorganisation der Familienbeziehungen. Neue Partner sollen mit einbezogen werden, ohne die früheren Partner aus dem eigenen Leben und vor allem aus dem Leben der Kinder auszugrenzen.

Diese Leistungen sollen zu einer Zeit erbracht werden, in der das Selbstwertgefühl des Verlassenen durch die Zurückweisung existentiell bedroht ist und in der beim Verlassenden ein existentielles Bedürfnis nach Rechtfertigung für seinen Entschluß besteht.

Um das verletzte Selbst in Sicherheit zu bringen, kann nun die ganze Schuld dem Partner angelastet werden. Diese einseitigen Schuldzuweisungen lassen keinen Raum für die Betrachtung der eigenen Anteile am Scheitern der Liebesbeziehung, keinen Raum für die Erkenntnis einer nicht funktionierenden Kommunikation der Partner untereinander und keinen Raum für vielfältige äußere Gründe, die die Entfremdung begünstigten.

Diese internale, interaktionale und external-soziale Betrachtung könnte der eigenen Entlastung dienen, dem Verständnis des eigenen Verhaltens, dem des Partners und dem gegebener Lebenswidrigkeiten. Dadurch würde der Weg freier, sich selbst und dem anderen das "gemeinsame Versagen" zu verzeihen.

Programmierende Eltern lassen sich aufgrund ihres Erlebens grob in zwei Gruppen differenzieren:

Symptomatik von PAS-Kindern

PAS-Kinder zeigen eine typische Symptomatik. Je nach Anzahl der Symptome, deren Stärke und Ausprägung unterscheidet man schwache, mittlere und starke Kategorien mit unterschiedlichen therapeutischen und rechtlichen Interventionsmöglichkeiten und -erfordernissen.

1. Zurückweisungs- und Herabsetzungskampagne mit fast vollständigem Ausblenden früherer schöner gemeinsamer Erlebnisse. Der abgelehnte Elternteil wird als böse und gefährlich eingestuft, ihm wird "alles zugetraut". "Die Mama gibt mir nichts Gesundes zu essen." Auf Nachfrage können die Vorwürfe nicht präzisiert werden und es kommt ein: "das ist so, ich weiß das."

2. Absurde Rationalisierungen werden herangezogen, um die Ablehnung zu begründen. Alltägliche oder triviale Ereignisse werden negativ umgedeutet: "Der Papa sollte aber nicht zur Einschulung kommen. Ich wollte das nicht und ich will ihn nie wieder sehen."

3. Alle menschlichen Beziehungen sind ambivalent, Eltern-Kind-Beziehungen machen da keine Ausnahme. Bei PAS-Kindern ist jedoch ein Elternteil nur gut, der andere nur schlecht. Auf die Frage "Was findest Du an Deiner Mama besonders gut und was findest Du nicht so gut an ihr?" kommt nur eine lange Litanei ihrer negativen Eigenschaften und Verhaltensweisen. Alles Gute liegt beim Vater. Dieses Fehlen von Ambivalenz blendet auch alle schönen Erinnerungen aus.

4. Bei Familienanhörungen fällt eine fast reflexartige Parteinahme der Kinder für den Koalitionselternteil auf. Ohne Zögern und ohne jeden Zweifel wird er verteidigt und der andere angegriffen: " Ich weiß, der Papa ist ein Lügner, er lügt immer".

5. Die Ablehnung und die Feindseligkeiten werden auf die erweiterte Familie und den Freundeskreis des zurückgewiesenen Elternteils ausgedehnt und mit den gleichen absurden Begründungen erklärt wie oben. "Die Oma ist alt und blöd, die Tante ist geizig. Sie hat mir nur ein einziges Kleid geschenkt. Ich mag sie alle nicht mehr sehen."

6. PAS-Kinder verteidigen jede ihrer Aussagen schon im Vorschulalter mit dem Hinweis auf ihre "eigene Meinung". Dieses Phänomen spiegelt die Erleichterung des programmierenden Elternteils darüber, daß die Kinder "sich trauen, zu sagen, was sie wirklich denken". Dabei geht es hier um die Diskrepanz der wahrgenommenen widersprüchlichen Botschaften: Geh nicht - Geh doch! die den Kindern das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zerstört. Die Macht der nonverbalen Kommunikation, der sie zum Opfer fallen, können sie nicht durchschauen.

7. Die hemmungslose Ablehnung und Verunglimpfung eines Elternteils hindert PAS-Kinder nicht daran, unangemessene Forderungen zu stellen nach Geld und Geschenken und dies als ihr gutes Recht zu sehen. Dies geschieht in völliger Abwesenheit von Schuldgefühlen, von Dankbarkeitsbezeugungen gar nicht zu reden.

8. Die Aussagen von PAS-Kindern spiegeln häufig in Wortwahl und Geschichten sogenannte "geborgte Szenarien", deren tiefere Bedeutung sie nicht kennen. "Hör auf mit Deinen Belästigungen, Papa!" ist für eine Vierjährige eine erstaunliche Forderung, es stellt sich bei Nachfragen schnell heraus, daß sie keine Ahnung hat, wovon sie redet.

Nach bisherigen Erkenntnissen ist Familientherapie die erfolgversprechendste Möglichkeit, die aggressive Haltung der Kinder und das manipulative Verhalten des betreuenden Elternteils zu erkennen und aufzulösen. Therapie kann jedoch (noch) nicht per richterlichem Beschluß angeordnet werden und eine frühzeitige Herausnahme der Kinder aus dem manipulativen Umfeld erfolgt kaum jemals rechtzeitig, selbst die Androhung der Herausnahme hat Seltenheitswert - und das, obwohl sie für viele entfremdende Elternteile ein Signal setzen könnte zum Umdenken. Damit sind die betroffenen Eltern zumeist allein gelassen mit dem sicheren Gefühl oder der zerstörerischen Erfahrung, daß ihnen ihr Kind entzogen wird bzw. daß es sie so vehement ablehnt, daß kein Zugang mehr möglich scheint.

Die wichtigste Maßnahme ist die Früherkennung, um der Entfremdung der Kinder von einem ihrer Eltern vorbeugen zu können.

Welche Hinweise gibt es, die frühzeitig eine alarmierende Tendenz zur Entfremdung der Kinder vom anderen Elternteil signalisieren?

1. Manipulierende Eltern denken und sprechen es auch aus: Kinder brauchen im allgemeinen schon beide Eltern - aber das gilt nicht in unserem speziellen Fall, nicht diesen Vater/diese Mutter. "Wenn es nach mir geht, dann sieht der das Kind nicht mehr" wird kaum jemals angemessen "gewertet und gewichtet".

2. Sie ertragen es nicht, wenn das Kind sich auf den anderen freut, sie reagieren mit Angst, mit Traurigkeit, mit Enttäuschung, Wut und Zorn auf die Zuneigung des "Partners Kind" zum Anderen, obwohl dieser Andere ihnen doch so viel angetan hat?

3. Versuche, das Kind unmerklich dem anderen Elternteil zu entfremden, sind attraktive Konkurrenzangebote an den Umgangstagen, eine Häufung von Erkältungen (hier spielen Gefälligkeitsgutachten von Kinderärzten eine maßgebliche Rolle) und (Kindergeburtstags-) Einladungen, so daß es nicht gehen kann.

4. Positive Verstärkung (Zuwendung, Lob, Geschenke) erhält das Kind, wenn es negative Botschaften vom anderen mitbringt: wenn es erzählt, beim Vater ist das Essen nicht gut, der Freund von der Mama ist doof.

5. Negative Verstärkung kommt daher im Gewand von Desinteresse "das geht mich nichts an, wenn Du mit Deiner Mutter im Kino warst", von Zurückweisung und Liebesentzug: "Laß mich, ich mag jetzt nicht mit Dir zusammensitzen". Damit wächst die Angst des Kindes, den betreuenden Elternteil zu verlieren.

6. Gerichtliche Anordnungen werden, wenn überhaupt, dann minutiös kontrolliert, statt zu erfühlen, was ein Kind braucht: Es wird auf die Minute genau darauf geachtet, wann es abgeholt und zurückgebracht wird, es wird wortlos an der Tür, vor dem Haus, auf dem Parkplatz übergeben wie ein Postpaket. Die Kinder laufen vom Auto alleine bis zum Haus, weil der Gegner das Grundstück nicht betreten darf.

7. Die verbale Botschaft "Du mußt jetzt zu deinem Vater/deiner Mutter gehen" wird aufgehoben durch die non-verbale Botschaft: "Wenn Du mich liebst, dann gehst du nicht". Der manipulierende Elternteil läuft vorher unruhig und mit Tränen in den Augen herum und schließt das Kind erleichtert in die Arme, wenn es (entgegen allen Erwartungen) heil zurückkommt. Während des Umgangs ruft der andere Elternteil ständig "dort" an, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Das Kind befindet sich damit in einer unlösbaren Lage: es soll dem Anrufer vermitteln, daß es ihm zwar gut geht, es sich ab er nicht wirklich gut fühlt, aber der anwesende Elternteil soll davon nichts merken.

8. Auch diese Manipulationen dienen dazu, sich und anderen (häufig mit Erfolg) einzureden, das Kind brauche seine Ruhe vor dem Vater/der Mutter, obwohl mittlerweile bekannt ist und dies auch viele manipulierende Eltern noch erkennen können, daß es Ruhe braucht vor dem Elternstreit. Eine vergleichbare Argumentation ist die Angst vor dem Vater, wo es sich bei dem Kind um die Angst vor dem Verlust des Vaters handelt.

9. Obwohl beide Eltern wissen können, wenn sie noch einen minimalen Zugang zu den Bedürfnissen ihrer Kinder haben, daß jedes Kind von seinen Eltern geliebt werden und sie beide lieben will - wird damit argumentiert "Das Kind darf von mir aus zum anderen, es will aber nicht." Nichts wird im ganzen Prozeß bereitwilliger respektiert, als dieser Kindeswille.

10. Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde des anderen Elternteils sind plötzlich auch kein Umgang mehr für das Kind. Ein Kind, das nicht bereit ist, seiner bettlägerigen Großmutter ein Photo zu schicken, hat eine Lektion in menschenverachtendem Verhalten gelernt, die Grundlage ist für antisoziales Verhalten auf seinem weiteren Lebensweg.

11. Die unabgesprochene Inanspruchnahme des neuen Namensrechts kann einen wichtigen Hinweis darauf geben, daß der Name des Vaters samt seiner Person eliminiert werden soll.

12. Ein Elternteil wird von Familienfeiern, wie Einschulung, Schulabschlußfeier, Konfirmation, Kommunion, Großelterngeburtstage etc. ab der Trennung prinzipiell ausgeschlossen. Auf diese Weise wird ihm und den erweiterten Familien signalisiert, daß er nicht mehr dazu gehört.

13. Dem abgelehnten Elternteil wird der Zugang zu Informationen über die schulische Entwicklung verwehrt, ebenso zu Informationen über die Gesundheit der Kinder und ihr Befinden während eines stationären Aufenthalts in einer Klinik. Drastischer kann die elterliche Wertlosigkeit dem nichtbetreuenden Elternteil kaum demonstriert werden: selbst wenn sein Kind im Sterben liegt hat er keinen Zugang zu ihm.

Den Kindern wird die eigene Version der Ehe- und Trennungsgeschichte verbal und non-verbal, direkt und indirekt, bewußt und unbewußt vermittelt. Sie verstehen die Botschaft und nehmen den Auftrag an, sich die Gefühle von Enttäuschung, Wut, Mißtrauen, Rache und Ablehnung zu eigen zu machen, die ihnen vorgelebt und vorgelitten werden.

Die lebensfeindliche Koalition mit dem ein Elternteil gegen den anderen wirkt bei denjenigen Kindern am schnellsten und am nachhaltigsten, die spüren, daß ihnen die Liebe und Zuwendung des betreuenden Elternteils nur solange sicher ist, wie sie dessen Abneigung gegen den anderen Elternteil übernehmen. Damit hat die Parentifizierung ihren Lauf genommen, der Rollentausch, bei dem sich die Kinder ganz auf die Bedürfnisse des betreuenden Elternteils konzentrieren, diese zur Gänze übernehmen und ihre eigenen Wünsche verdrängen. Sie haben die Aufgabe, den schwachen, depressiven und/oder aggressiven Elternteil zu schützen, sie stellen sich ganz auf seine Bedürfnisse ein, reagieren übersensibel auf Störungen und trauen sich nicht, ihn zu verlassen Es stellt sich häufig ein Gefühl von Omnipotenz ein, denn das Wohl des betreuenden Elternteils liegt jetzt in der Hand des "Bündnispartners Kind". Dieses Hochgefühl geht jedoch mit einem Gefühl tiefer Einsamkeit und Überforderung einher, das in die kindliche Depression und bis zur Suizidalität führen kann.

Was können betroffene Eltern tun?

In Fällen mittlerer Ausprägung wird der zurückgewiesene Elternteil dem Kind seine gleichbleibende Zuneigung und Liebe versichern: "Ich bin immer für Dich da, wenn Du mich brauchst". Respektloses Verhalten sollte jedoch nicht aus Angst hingenommen werden, das Kind ganz zu verlieren, sondern ruhig und sicher Grenzen gesetzt und gegenseitige Achtung eingefordert werden. "Ich beschimpfe Dich nicht und ich möchte auch nicht, daß Du so mit mir sprichst". Tolerierte Respektlosigkeit vertieft die aufgebaute Verachtung des Kindes eher, ebenso wie unangebrachte Strenge. Bedrängen der Kinder führt eher zu einer unheilvollen Spirale verstärkter Ablehnung. Verständnisvolle Angebote lassen mehr Möglichkeiten offen: "Ich weiß, Du kannst (nicht: Du willst!) jetzt nicht, ich warte bis zum nächsten Wochenende auf Dich und freue mich, wenn wir dann zusammen etwas unternehmen können."

Wichtig ist, die Kinder selbst einzubeziehen und sie nach ihren eigenen Bedürfnissen zu fragen: "Was kann ich tun, damit wir zusammen Spaß haben können? ... damit Du Lust hast, mit mir etwas zu unternehmen? Was brauchst Du von mir?"

Älteren Kindern kann vermittelt werden, daß sie eigene Rechte haben und daß es für sie die Möglichkeit gibt, sich bei Beratungsstellen darüber zu informieren. Eltern, die entschlossen sind, den Kontakt zu ihren Kindern nicht aufzugeben, sollten dies den Kindern klar und deutlich sagen: "Ich liebe Dich, ich bin Dein Vater/Deine Mutter. Es ist mir wichtig, für Dich da zu sein und Dich aufwachsen zu sehen. Das ist mein Recht und meine Pflicht und beides lasse ich mir nicht so einfach nehmen. Auch wenn Du das jetzt noch nicht verstehst."

Für vorpubertäre Kinder und Jugendliche ist es schmerzlich und unerträglich, von einem Elternteil immer wieder zu hören, alles was sie sagen käme vom anderen Elternteil. Bei Befragungen ist ihrem Autonomiestreben daher unbedingt Rechnung zu tragen, sonst wird die "eigene Meinung" mit Klauen und Zähnen verteidigt und der darunterliegende Konflikt bleibt unberührt. 

In den krassen Fällen, in denen Kinder über Jahre hinweg bis ins Jugendlichenalter den Umgang mit dem nichtbetreuenden Elternteil mit Unterstützung des betreuenden Elternteils auf aggressive, respektlose und feindliche Art verweigern, bleibt dem abgelehnten Elternteil nicht viel mehr, als abzuwarten. Abzuwarten auf die Zeit, wenn ihre erwachsen gewordenen Kinder beginnen, aus der Distanz zum betreuenden Elternteil dessen Verhalten zu durchschauen.

Aus dem Kontakt mit betroffenen Vätern und Müttern wurde die Notwendigkeit deutlich, das Konstrukt "PAS" abzugrenzen gegen andere Formen der Kontaktverweigerung.

Was versteht man NICHT unter Parental Alienation Syndrome?

1. Umgangsverweigerung als Flucht aus der Unerträglichkeit des Loyalitätskonflikts

Die resignative, hilflose Zurückweisung eines Elternteils durch ein Kind aus Loyalität zu dem als bedürftig, hilflos, traurig oder vereinsamt erlebten betreuenden Elternteil. Hier lehnt das Kind zwar den Kontakt ab, nicht jedoch die Person des nichtbetreuenden Elternteils. Es ist nicht offen feindselig, sondern ohnmächtig und überfordert vom Konflikt der Eltern.

Bei sporadischen Kontakten fühlt sich das Kind dem anderen Elternteil gegenüber als Verräter. Hier hat eine Rollenumkehr (Parentifizierung) stattgefunden, das Kind orientiert sich an der Bedürftigkeit und den Bedürfnissen desjenigen Elternteils, mit dem es zusammenlebt und den es glaubt, unterstützen zu müssen.

Es dominiert die unerträgliche Angst, auch von diesem Elternteil verlassen zu werden und damit die Existenzgrundlage endgültig zu verlieren.

2. Umgangsverweigerung von Kindern und Jugendlichen, die dafür aus ihrer Sicht wichtige und ernstzunehmende Gründe angeben

3. Normale Trennungs- und Verlassenheitsängste bei Kindern unter 4 Jahren, die noch keinen Zeitbegriff haben, auch nicht für die Besuchsregelung, die den anderen Elternteil zurücklassen und nicht wissen, wann sie ihn wiedersehen, die beim Übergang keine Unterstützung, keine Hilfe und keine Beruhigung von beiden Eltern erhalten.

4. Normale, entwicklungsbedingte Präferenz des gegengeschlechtlichen Elternteils zwischen 3 und 6 Jahren in der Phase, in der Mädchen und Jungen ihre Geschlechtsidentität entdecken und ausprobieren und die Präferenz des gleichgeschlechtlichen Elternteils in der darauffolgenden Latenzphase, in der die eigene Identität konsolidiert wird im Umgang mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und mit gleichgeschlechtlichen Freunden.

Die normale kognitive Entwicklung von der egozentrischen Weltsicht des Kleinkindes zum Erfassen eines anderen Standpunktes, sie können nun die Sichtweise eines Elternteils verstehen, nicht aber die gegensätzliche Sichtweise beider Eltern. Hier sind die Geschichten angesiedelt, die Eltern verzweifeln lassen: "Sie hat zu mir gesagt, bei dir ist es am schönsten, Papi - zur Mutter hat sie gesagt ich will immer nur bei dir sein, Mami." Beides stimmt, nur die Eltern haben Probleme damit, solche auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Botschaften als Ganzheit der kindlichen Sehnsucht zu begreifen.

Bei vielen der PAS Kinder wurde die Entwicklungsaufgabe der Individuation nicht erfüllt: sie konnten bis zum 3. Lebensjahr die "kleine Pubertät" nicht bewältigen, ihre eigenen "guten" und "bösen" Seiten nicht in ein starken Selbst, in das Gefühl einer eigenen wertvollen und liebenswerten Persönlichkeit integrieren. Überbehütung und die symbiotische Bindung an einen Elternteil begünstigen zusammen mit dessen Bedürftigkeit in der Familienkrise die Bereitschaft zur Allianz mit dem einen und die Ablehnung das Anderen. Jedoch wird das Selbst durch die aktive Zurückweisung eines Elternteils noch erheblich tiefer geschädigt als durch den Verlust, da beides, die Schuldgefühle und der Elternanteil an der eigenen Person verdrängt werden müssen. Die Ablösung vom idealisierten wie vom dämonisierten Elternteil während der Pubertät wird dadurch erschwert bis unmöglich gemacht.

Aus Gesprächen mit betroffenen Eltern entstanden für mich zwei Fragen, die ich an Sie weitergeben, mit Ihnen teilen möchte:

Wie beginnt (the very beginning) der Prozeß, der im Kontaktabbruch endet? Was genau passiert am Anfang? Wer verwehrt das erstemal den Kontakt mit den Kindern?

Auf welcher kognitiven Grundlage? Gibt es eine Art Gewohnheitsrecht, einfach weil es die normale Praxis ist? Ist es das "gute Recht", die Kinder mitzunehmen? Ist es die Verteidigung des eigenen Terrains, das den anderen nicht mehr zu den Kindern läßt?

Liegt hier der Schlüssel dazu, die ganze nachfolgende unheilvolle Entwicklung abzuwenden? Für die Jugendhilfe, die Anwälte, den Richter?

Ist die Zeit einer der Hauptfaktoren?

Ist die Einschüchterung durch Autoritäten ein anderer der Hauptfaktoren? (Fallbeispiel von B. Kinder leben 500 m vom Haus weg – hat sie 6 Jahre nicht gesehen: ich habe mich ferngehalten, um nicht gegen die Auflagen zu verstoßen ... Was sind das für Auflagen?)

Was geschieht mit den abgelehnten, zurückgebliebenen, "verwaisten" Eltern von lebendigen Kindern, die in erreichbarer Nähe sind und doch unerreichbar? (Vergleich Kübler-Ross) Warum gesteht man diesen Eltern keine psychischen und physischen Reaktionen zu? "Es ist eine jahrelange, vielleicht lebenslange Folter."

Wie geht ein Mensch damit um, daß man auch noch seine psychischen Verstörungen zur Argumentation gegen ihn mißbraucht? Nicht: der Vater erträgt das nicht mehr, hält das nicht mehr aus, er ist schwer depressiv geworden – sondern: man sieht ja heute, daß der Vater depressiv ist, daher konnte auch kein Umgang stattfinden.


Für besonders lang andauernde und gravierende Umgangskonflikte bietet ein Beschluß des AG Ettlingen, Familiengericht, Az: 1 F 5/98) vom 25. Mai 1998 eine konstruktive Lösungsmöglichkeit. Der Beschluß lautet:

"1. Das Umgangsrecht des Vaters wird vorläufig wie folgt geregelt:

a) Zur Durchführung des Umgangs wird auf die Dauer von 6 Monaten Pflegschaft angeordnet. Insoweit wird das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Mutter eingeschränkt und der Pflegerin übertragen.

b) Zur Pflegerin wird bestimmt: Frau ...

c) Die Pflegerin erhält das Recht, Art, Dauer und Orte des Umgangs für die Dauer ihrer Bestellung in eigener Verantwortung zu bestimmen. Sie ist an Weisungen der Eltern nicht gebunden.

2. Für den Ersatz von Aufwendungen und die Vergütung der Pflegerin gelten die Vorschriften der §§ 1835, 1836 BGB.

3. Eine endgültige Entscheidung auch zu den Kosten des Verfahrens ergeht spätestens in einem im November 1998 zu bestimmenden Termin."

Hier wird das "Bestimmungsrecht" auf einen Dritten übertragen, der damit den Eltern kreative Gestaltungsmöglichkeiten auf (zeitlich befristeter, probeweiser) partnerschaftlicher Basis eröffnen und sie im besten Fall zu ihren eigenen Ressourcen und ihrer Elternautonomie zurückbegleiten kann.

Einzufügen wäre allenfalls:

ad 1. d) Die Eltern haben den Vorgaben der Pflegerin Folge zu leisten. Im Fall der Zuwiderhandlung wird ein Zwangsgeld festgesetzt in Höhe von....

Dies könnte in einem gewissen Rahmen die Herausgabe des Kindes durch den betreuenden Elternteil und die Rückgabe des Kindes durch den nichtbetreuenden Elternteil gewährleisten und damit die Arbeit der Umgangspflegerin überhaupt erst ermöglichen.

Ursula Kodjoe, Dipl.-Psych., Soz.-Arb., Mediatorin, Fichtenstr. 29, 79194 Gundelfingen

 

 

DEUTSCHES ÄRZTEBLATT PRINT

Andritzky, Dr. phil. Walter

Parental Alienation Syndrom: Nicht instrumentalisieren lassen


PP 2, Ausgabe Februar 2003, Seite 81, WISSENSCHAFT

 


Nach einer Scheidung werden Therapeuten und Ärzte oft in die Sorgerechtsstreitigkeiten verwickelt. Wichtig ist, zwischen verschiedenen Konfliktkonstellationen unterscheiden zu können.

Vor dem Hintergrund steigender Scheidungszahlen und Auseinandersetzungen um das Sorge- und Umgangsrecht mit den gemeinsamen Kindern mehren sich Fälle, in denen Eltern versuchen, ein Kind dem anderen Elternteil zu entfremden und diesen von Umgang und Erziehung auszugrenzen. Nicht nur Rechtsanwälte, Richter, Sachverständige und Mitarbeiter von Jugendämtern werden in die oft unerbittlich geführten Auseinandersetzungen einbezogen, sondern auch Psychotherapeuten, (Kinder-)Ärzte und Kinderpsychiater: Meist wünscht ein Elternteil Atteste und Bescheinigungen darüber, dass Verhaltensauffälligkeiten oder funktionelle Symptome (Einnässen, oppositionelles Verhalten, Depressionen, Schlafstörungen und anderes) eines Kindes auf negative Einwirkungen des anderen Elternteils zurückzuführen seien und/oder der Kontakt abgebrochen werden sollte (1, 2).

Missbrauch von Attesten verhindern
Das Thema entzündet sich zumeist zu einem Zeitpunkt, an dem Trennungskonflikte in Sorgerechts- oder Umgangsstreitigkeiten übergehen und ein Elternteil den anderen von der künftigen Erziehung ausgrenzen will. Zugespitzt wird die Situation, wenn sich dabei zwei „Lager“ gegenüberstehen (3), zum Beispiel ein Vater mit den Großeltern, bei denen sich das Kind bei Besuchskontakten aufhält, und eine Mutter mit neuem Ehepartner. Für Ärzte und Therapeuten ist es hilfreich, zwischen verschiedenen Konfliktkonstellationen zu unterscheiden, um Eltern einerseits aufzuklären, und andererseits den Missbrauch von Attesten zu verhindern.

Die mit den eigenen Belastungen infolge der Trennung beschäftigten Eltern nehmen die psychische Belastung der Kinder oft weder wahr, noch geben sie ihnen genügend Zuwendung. Daher werden die natürlichen Stress-Symptome der Kinder bei weiteren Konflikten zwischen den Eltern oftmals umgedeutet, Resultat einer negativen Beeinflussung oder „Überforderung“ durch den Umgang mit dem anderen Elternteil zu sein. Tatsächlich werden psychische und funktionelle Reaktionen, Infekte, aggressive oder depressive Reaktionen nicht nur durch die Trennung selbst ausgelöst. Sie entstehen besonders dann, wenn das Kind von einem Elternteil zum anderen wechseln soll, der betreuende Elternteil diesen Umgang jedoch ablehnt, beispielsweise mit der Begründung, das Kind müsse „zur Ruhe kommen“, oder es wolle nicht zum anderen Elternteil (5, 6).

Nach den Erfahrungen von Felder und Hausheer (7) zeigen sich Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter vor Besuchen beim anderen Elternteil oft fahrig, gereizt und unwillig, oder sie klagen über Bauchschmerzen. Die Besuchszeit selbst verläuft nach kurzer Eingewöhnung ohne Konflikte und in freudiger Atmosphäre. Das Kind will jedoch von Zuhause nichts erzählen und dort auch nicht anrufen. Das Kind kehrt weinerlich und widerstrebend zum betreuenden Elternteil zurück. Nach den Besuchen verhält es sich einige Tage lang überdreht, verschlossen oder mürrisch, will von den Besuchen selbst nichts erzählen, bis es schließlich wieder „normal“ wird. Die Eltern ziehen aus diesem Muster entgegengesetzte Schlüsse: Die Mutter (gegebenenfalls der Vater) sieht keinen Sinn in den Besuchen, sondern eher Schaden. Das Kind werde gequält, nur um den Rechtsanspruch des Besuchsvaters (gegebenenfalls -mutter) zu erfüllen, die Besuche sollten deshalb beendet werden. Der Vater fragt sich dagegen, ob das Kind bei der Mutter gut aufgehoben ist, da es in so bemitleidenswertem Zustand zu ihm kommt und ungern wieder zur Mutter zurückkehrt.

Diesem „Besuchsrechtssyndrom“ liegen im Gegensatz zu einem Entfremdungssyndrom keine Entfremdungsabsichten zugrunde. Die Ursachen können in Trennungsängsten, psychodynamischen Loyalitätskonflikten, einem Autonomieproblem, fehlender Objektkonstanz beim Kind, auf Elternebene in Kränkungen, sozialer Isolation oder in Problemen mit einem neuen Partner liegen. Die Eltern äußern Besorgtheit angesichts der Symptome. Sie tendieren zunächst nicht dazu, den anderen Elternteil abzuwerten, ihn für die Symptome verantwortlich zu machen oder ausgrenzen zu wollen. In diesen Fällen genügt es, im Rahmen der Anamneseerhebung darauf hinzuweisen, dass es sich um natürliche Reaktionen des Kindes handelt, die nach etwa einem halben bis einem Jahr von selbst nachlassen, wenn das Kind erfahren hat, dass ihm bei den Besuchskontakten weder Mutter noch Vater verloren gehen.

Loyalitätskonflikt für das Kind
Das von Gardner (8) beschriebene Parental Alienation Syndrom (PAS) hebt sich von dem Besuchsrechtssyndrom und von Fällen ab, in denen ein Kind Misshandlungen oder Vernachlässigungen erfahren hat und deshalb kontaktunwillig ist. PAS entwickelt sich nur dann, wenn ein Kind – bewusst oder unbewusst – vom betreuenden Elternteil in einen starken Loyalitätskonflikt getrieben, der Umgang mit dem anderen Elternteil massiv erschwert wird und das Kind durch seinen Wunsch, den Kontakt zu behalten, Schuldgefühle entwickelt. Bei den betreuenden Eltern liegt häufig eine durch den Trennungsprozess aktivierte Borderline-Problematik zugrunde (3): Sie fühlen sich durch den erhöhten Stress der Nachtrennungssituation (9) überfordert und reglementieren das Kind verstärkt. Es gerät oft in die Rolle eines Partnerersatzes, und es entwickelt sich eine symbiotische Beziehung. Jeder Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil löst panikartige Verlustängste aus. Häufig werden Besuchstermine abgesagt. Dem Kind wird durch viele Entfremdungsstrategien (8, 10) ein negatives Bild des anderen Elternteils vermittelt – ein intensiver Loyalitätskonflikt wird gefördert.

Im Gegensatz zum Besuchsrechtssyndrom zeigen sich beim PAS mehrere, einfach erkennbare Symptome im Verhalten des Kindes:
  • Es werden Meinungen und wörtliche Formulierungen vom betreuenden Elternteil übernommen, die dessen Haltung zum anderen charakterisieren. Das Gesagte wird in nicht kindgerechter Sprache („Er hat einen Machtkomplex.“) und gekünstelter Stimmlage vorgebracht. Es werden neue Ablehnungsgründe „hinzuerfunden“, das Kind wirkt beim Gespräch motorisch unruhig und gespannt.
  • Nicht nur der andere Elternteil, sondern dessen gesamtes soziales und familiäres Umfeld wird in die Ablehnung miteinbezogen, zum Beispiel früher geliebte Großeltern und Freunde.
  • Das Kind „spaltet“: Der betreuende Elternteil ist nur „gut“, der andere nur „schlecht“, die natürliche Ambivalenz fehlt. Das Kind ergreift reflexhaft für den Betreuer Partei.
  • Das Kind betont auffällig, dass alles, was es sage, sein eigener Wille sei („Ich will das.“).

Wenn der Entfremdungsprozess fortgeschritten und sich der betreuende Elternteil sicher ist, dass das Kind keinen Wunsch nach Kontakt zum anderen mehr äußert, betont er oft: „Ich wäre der/die Letzte, die etwas gegen Besuche hat, aber das Kind will nicht.“
Ein weiteres Indiz für ein Entfremdungssyndrom ist, dass der betreuende Elternteil den anderen abwertet und den Gesprächspartner in eine Allianz gegen diesen einzubinden versucht. Gleichzeitig werden Diskurs und Vermittlungsbemühungen, die seine Person und Rolle im Trennungsprozess betreffen, jedoch ablehnt.

Mitagieren vermeiden
Es besteht die Chance, den Eltern eine stützende Therapie/Beratung oder Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe zu empfehlen. Die Selbstdarstellung von PAS-Eltern als „bedauernswertes Opfer“ verführt leicht zum Mitagieren und Helferimpulsen. Die Ausgrenzungslösung wird aber dadurch vom Arzt/Therapeuten zusätzlich unterstützt. Hingegen sollte den Eltern vergegenwärtigt werden, dass:

  • - das Kind zum anderen Elternteil früher ein gutes und liebevolles Verhältnis hatte;
  • der entfremdende Elternteil tatsächlich Unterstützung und Zuwendung benötigt, diese jedoch nicht darin bestehen kann, Ausgrenzungsbestrebungen zu unterstützen;
  • es sich bei den Anschuldigungen des betreuenden Elternteils zumeist um Projektionen handelt.
Wenn aktiv entfremdendes Verhalten mit der Folge eines PAS beim Kind auffällt, muss den betreuenden Eltern einerseits das Destruktive und Unmoralische ihres Handelns vor Augen geführt werden, andererseits aber auch ihre emotionale Bedürftigkeit angenommen werden. Mit dem für Borderline-Therapien wichtigen ausgewogenen Verhältnis von Konfrontation und Empathie lassen sich entfremdende Eltern am ehesten erreichen.

Die Kinder benötigen keine Therapie. Das Verhalten normalisiert sich schnell, wenn das Kind erfährt, dass es den anderen Elternteil verlässlich und ohne Schuldgefühle besuchen und sich an der gemeinsamen Zeit erfreuen darf.

Die Angaben in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das im Internet abrufbar ist.

Dr. phil. Walter Andritzky, Kopernikusstraße 55, 40225 Düsseldorf

 

 

 

Ein Überblick zur aktuellen Forschungslage bei Elternentfremdung

Ursula Kodjoe, Freiburg*

 

I. Ausgangslage

Die so genannte PAS-Kontroverse1 erschien in den vergangenen Jahren zuweilen wie das Sinnbild einer kompetitions- statt kooperationsorientierten Wissenschaftskultur. Der englische Journalist und Vater, Julian Fitzgerald, hat dies mit den folgenden Worten sehr passend zusammengefasst: „Viele Experten kämpfen für die Anerkennung ihrer Theorie in einer Welt professioneller Rivalitäten und Eitelkeiten mit der ihnen eigenen selektiven Verantwortlichkeit. Damit bieten sie jenen, die es angeht, weder Orientierung noch Unterstützung."

Was aber brauchen wir für eine fruchtbare Zusammenarbeit der verschiedenen Wissenschaften und Professionen in hoch konflikthaften Trennungs- und Scheidungsfamilien? Folgende Aspekte scheinen von zentraler Bedeutung zu sein:

  • ein konstruktiver Dialog zwischen allen am Verfahren beteiligten Professionen: Weiterent-wicklung durch Lernen aus unterschiedlichen Sichtweisen,
  • ein kritischer Dialog: Hinterfragen der eigenen und fremden Erfahrungen, Positionen, Interes-sen und Glaubenshaltungen,
  • ein Dialog in einer Atmosphäre von gegenseitigem Respekt für die Profession und die Kompe-tenz des anderen,
  • Respekt ungeachtet einer Position auf der Prestigeleiter in den Köpfen: Der Abbau unange-messener Ängste vor dem vermeintlich Höherstehenden, „Akademischeren" ist eine Voraus-setzung für wirksame Zusammenarbeit.

Vor diesem Hintergrund möchte ich in diesem Vortrag nachfolgende Fragen aufgreifen, die sich im Zusammenhang mit dem drohenden Kontaktverlust zwischen einem Elternteil und seinem Kind stellen:

  1. Wie können jede Profession für sich und alle zusammen so arbeiten, dass das Grundrecht von Kindern geschützt wird, mit jedem Elternteil Umgang zu pflegen, die Bindung an ihn aufrecht zu erhalten und die Beziehung zu leben?
  2. Wie kann das Grundrecht der Eltern auf weiter gehende, gelebte Beziehung zu den Kindern geschützt werden?
  3. Wie kann die Elternpflicht auf Fürsorge für die Kinder eingefordert werden?
  4. Wie können bei Wahrung ihrer Rechte gleichzeitig die Bedürfnisse und Interessen der Kinder innerhalb ihrer ganz besonderen Familienkonstellation geschützt werden?

 

II. Trennungs- und Scheidungskinder

Darüber, welche Grundbedürfnisse von Kindern im Hinblick auf ihre psychische Gesundheit be-friedigt werden müssen, gibt es in nationalen wie internationalen Studien weitgehende Überein-stimmung.

Kinder brauchen ...
Sonst entstehen Gefühle von ...

- emotionale Zuwendung,

- Einsamkeit,

- Pflege und Versorgung,

- Verlorenheit,

- Zuverlässigkeit,

- Verunsicherung,

- Information,

- Angst: Verlust-,Verlassenheits-, Beziehungs- und Existenzängste,

- Einbezug in Entscheidungen.

- Bedeutungslosigkeit, Unwichtigkeit.


Befragt man erwachsene Trennungs- und Scheidungskinder, werden von ihnen retrospektiv eini-ge Ereignisse als besonders kritisch bis beeinträchtigend hervorgehoben, so z. B.:
  • Verlust elterlicher Fürsorge,
  • veränderte Qualität elterlicher Erziehung,
  • Verlust materieller Sicherheit,
  • Verlust bisheriger Bezüge zu Freunden und Verwandten,
  • Konfrontation mit neuen Partnern der Eltern,
  • Wiederverheiratung eines Elternteils,
  • Instabilität der Vater-Kind-Beziehung, der Mutter-Kind-Beziehung

Diese Instabilität beginnt fast unvermeidlich mit dem Wegzug eines Elternteils und dem Verlust gemeinsamen Alltagslebens. Informationen über spontane Ereignisse gehen auf beiden Seiten verloren, die Entwicklungsschübe der Kinder in deren Übergangsphasen werden nicht miterlebt und die Reaktion der Eltern ist nicht mehr so angepasst und angemessen wie früher.

Väter zögern, ihren Kindern Versagenserlebnisse, schmerzliche Einbrüche wie Arbeitslosigkeit oder schwere Erkrankung einzugestehen, in Krisensituationen ziehen sie sich eher von ihren Kin-dern zurück.

Nach wichtigen Wendepunkten in ihrem Leben tauchen manche Väter wieder auf und es gelingt, die Vater- und nun auch die Großvaterbeziehung wieder aufzunehmen und zu leben.

Ihre Gefühlsentwicklung als Kinder beschreiben die jungen Erwachsenen so:

  • tiefer Schmerz über das Verlassenwerden,
  • Warten und Hoffen auf Rückkehr des weggegangenen Elternteils,
  • Verlust von Respekt für den Elternteil, der sie verlassen/aufgegeben hat,
  • Resignation und Abwendung.

Neuere Studien zeigen Konsequenzen aus der veränderten Scheidungsrealität. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Kinder aus hoch konflikthaften Elternbeziehungen von der Trennung profitie-ren, wenn sie Zeugen von langfristigen bedrohlichen Auseinandersetzungen, von Gewalt zwi-schen den Eltern oder selbst Opfer von Gewalt waren. Kinder aus wenig konflikthaften Trennun-gen hingegen leiden mehr, weil die Trennung für sie unerwartet kommt, unverständlich, uner-klärbar ist und ihr Leben aus ihrer Sicht ausschließlich negativ verändert.

 

III. Das „entfremdete Kind"

Die Sichtweise von Elternentfremdung hat sich in den letzten Jahren insbesondere durch die For-schungsarbeiten der Northern Californian Task Force weiterentwickelt.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich hauptsächlich auf neuere Arbeiten und Studien in den USA2.

Auf deren Forschung basiert die Erkenntnis, dass das frühere PAS-Modell nicht das volle Spekt-rum familiensystemischer, situationsbedingter und individueller Faktoren berücksichtigte, um der Komplexität interner und externer Einflüsse auf die Eltern-Kind Beziehung gerecht zu werden.

Statt vorrangig den „entfremdenden" Elternteil verantwortlich zu machen, unterscheiden die Au-toren pathologisch entfremdete Kinder von entfremdeten Kindern, die den Umgang aus rationa-len, realistischen und/oder entwicklungsbedingten Gründen ablehnen.

Einige potenzielle rationale Gründe für Umgangsablehnung können sein:

  • normale Ängste bei Trennung,
  • Verbündung mit einem Elternteil bei konfliktreichen Scheidungen,
  • Erziehungsstil/Eigenheiten eines Elternteils,
  • Wiederheirat und andere Beziehungs-Komplikationen,
  • Misshandlung/Gewalt,
  • Interessen- und Temperamentsähnlichkeit,
  • enge gleichgeschlechtliche Bindung an Mutter oder Vater.

Die Definition des pathologisch entfremdeten Kindes lautet: Ein „entfremdetes Kind" drückt frei und beharrlich irreelle negative Gefühle und Überzeugungen gegenüber dem Elternteil aus (z. B. Wut, Hass, Ablehnung und/oder Angst), die zu den tatsächlichen Erlebnissen mit diesem Eltern-teil in keinem realen Verhältnis stehen.

Die Studien zeichnen ein relativ klares Bild von den Faktoren, die als Verstärker auf den Prozess der kindlichen Entfremdung wirken. Es sind dies:

  • eine hochgradig konfliktgeladene Scheidung,
  • gegnerschaftliche Scheidungsverfahren und gegnerschaftlich orientierte professionelle Scheidungsbegleiter,
  • tief erlebte narzisstische Verletzung mit anhaltender Vergeltungswut beim „verlassenen" Elternteil,
  • ausgeprägt negative und polarisierende Ansichten des entfremdenden Elternteils,
  • Triangulierung des Kindes im intensiven ehelichen Konflikt vor der Trennung,
  • Verlassenheitsgefühle des Kindes gegenüber dem zurückgewiesenen Elternteil,
  • Wiederheirat, die zu ausgeprägter Feindseligkeit führt.

Das Bindungs-Entfremdungs-Kontinuum nach Joan B. Kelly ist ein Modell zum Verständnis von Entwicklungsprozessen und kann unter Einbezug der verschiedenen Faktoren und Einflüsse auf das Kind als diagnostisches Werkzeug hilfreich sein3.

Bestenfalls werden Interventionen im frühest möglichen Stadium der Bindungs- und Bezie-hungsgefährdung angeordnet.

Bindungs-Entfremdungs-Kontinuum (nach Joan B. Kelly, 2000)
keine Präferenz der Kinder für einen Elternteil
ambivalente Präferenz
eindeutige, unambivalente Präferenz der Kinder für einen Elternteil
starke Bindung an beide Eltern
bevorzugte Hin-wendung zu einem Elternteil
Verbündung mit einem Elternteil
Entfremdung von einem Elternteil
Ablehnung eines Elternteils
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reale Entfremdung
Pathologische Ablehnung eines Elternteils
  1. Die erste Position ist die, in der das Kind positive und erfüllende Beziehungen mit starker Bindung zu beiden Eltern genießt. In dieser Situation herrscht keine Präferenz für einen El-ternteil.
  2. In der zweiten Position hat das Kind zwar eine leichte emotionale Vorliebe für einen Elternteil, wünscht aber starken Kontakt mit beiden Eltern.
  3. In der dritten Position ist die Vorliebe für ein Elternteil weniger ambivalent und das Kind will begrenzten Kontakt mit dem anderen Elternteil. Der Ausdruck „Verbündung mit einem der Eltern" beschreibt diese Situation gut und ist häufig Resultat von Charakter- und anderen indivi-duellen Dynamiken, von Erziehungseigenheiten oder kann auf vorübergehende Entwicklungs-phasen des Kindes zurückzuführen sein.
  4. Position 4 ist meistens als Resultat realer Probleme zu verstehen. Eine eingetretene Entfrem-dung basiert auf rationalen, nachvollziehbaren Gründen und es müssen keine aktiven Entfrem-dungstaktiken im Spiel sein. Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, Drogen/Alkoholabhängigkeit sind potenzielle Gründe zur realen Entfremdung und das Kind bevorzugt klar die Nähe zum anderen Elternteil. Im Unterschied zum „entfremdeten Kind" herrscht keine irrationale Wut oder Angst vor; das Kind hat handfeste Gründe, den Kontakt zum Elternteil zu fürchten und zu begrenzen.
  5. Position 5 beschreibt die starke Ablehnung eines Elternteils durch ein Kind, das diese feindse-lige Ablehnung freimütig und explizit äußert, ohne die Gefühle des Elternteils zu berücksich-tigen. Diese gezeigte Verhaltensweise ist eine pathologische Reaktion, die weder auf rationa-len Gründen noch auf eigenem Erleben basiert. Während auf dieser Ebene klare Ähnlichkeiten zu Gardners Beschreibung vom PAS vorliegen, weist Kelly zusätzlich auf andere Faktoren hin, die für die Entfremdung verantwortlich sein könnten4.
Systemische Faktoren wie die Triangulierung des Kindes im elterlichen Konflikt, Mitwirkung von Angehörigen und Professionellen am Prozess der Entfremdung, Erleben der Trennung als Zurückweisung des Kindes, die als tiefe Demütigung erlebt wird; das Verhalten des abgelehnten Elternteils selbst und Verletzlichkeit in bestimmten Entwicklungsphasen des Kindes, seine Per-sönlichkeit und sein Temperament können Wirkfaktoren der pathologischen Ablehnung sein.

Dieses Modell basiert ebenso wie Gardners PAS-Modell auf extensiver klinischer Erfahrung und Fallanalysen (case studies). Ein gravierender Unterschied ist, dass das neue Modell von Kelly ein weit umfangreicheres Konzept anwendet, das Fragen der Elternentfremdung in einen Kontext einfügt von Beziehungs-Dynamik, Umwelt- und biographischen Faktoren, Lernprozessen, trau-matischen Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen sowie kognitiven, sozialen und emotionalen Entwicklungsprozessen.

Zur Struktur von Familienbeziehungen gehören die aus der systemischen Familienforschung be-kannten Phänomene von Verstrickung versus Ausgrenzung, die Salvador Minuchin (1978) aus-führlich beschrieben hat. Für die Arbeit mit hoch konflikthaften Nachscheidungsfamilien sind familiensystemische Bindungs- und Beziehungsstrukturen aufschlussreich, ebenso wie die Struk-turierung innerfamiliärer Grenzen.

Bei der verstrickten, symbiotischen Bindung und Beziehung kommt es zu einer massiven Inbe-sitznahme des abhängigen Kindes auf der affektiven Ebene durch die Ausbeutung kindlicher Ab-hängigkeitswünsche, auf der kognitiven Ebene wird dem Kind das eigene Ich des Elternteils auf-gezwängt „Ich weiß, was für Dich gut ist", auf der Ebene des Gewissens wird das Loyalitätsbe-dürfnis des Kindes zu einem starken, einseitigen Verpflichtungsgefühl instrumentalisiert.

In verstrickten Familien verliert sich das Individuum im System Familie. In symbiotischen Mut-ter-Kind-Bindungen weiß das Kind nicht mehr, wo die Mutter aufhört und wo es selbst anfängt. Die Grenzen, die dieses System definieren, sind so diffus, dass die Autonomie und die persönli-che Abgrenzung des Einzelnen radikal reduziert sind und eine übergroße Angst vor Trennung vorherrscht.
Der unterschiedlichen Intensität von Entfremdung vergleichbar sind die unterschiedlichen Er-scheinungsformen von Verstrickung, von der milden bis zur rigiden Form mit zunehmenden Stö-rungen der kindlichen Entwicklung.

Kenntnisse der neueren, erweiterten Konzepte von Erhebung und Behandlung verstrickter Fami-lien und der Dynamik bei Elternentfremdung können zu einer vertieften und erweiterten Form der therapeutischen Intervention führen, wie sie von den genannten Forschern angewandt und emp-fohlen wird.

 

IV. Arbeit mit konflikthaften (Entfremdungs-) Familien

Für die erfolgreiche Arbeit mit konflikthaften (Entfremdungs-)Familien haben sich zwei Bedin-gungen als hilfreich, wenn nicht als notwendig erwiesen:

  1. Frühzeitige disziplinübergreifende Kooperation zwischen Jugendamt, Richtern, Verfahrens- und Umgangspflegern, Gutachtern, Therapeuten, Beratern, Erziehern, Lehrern und den Eltern hat aus pragmatischen Erwägungen eine vorrangige Bedeutung. Diese Bedeutung wird noch durch den zunehmenden Einsatz von „family coordinators" (GB, USA, CAN) unterstri-chen, die diese Zusammenarbeit koordinieren, die Wirksamkeit der angeordneten Interventio-nen beobachten und besprechen, die Umsetzung der einzelnen Beschlüsse kontrollieren und zu jeder Zeit und an jeder Stelle des Verfahrens intervenieren können.
  2. Richterliche Anordnung beraterischer und therapeutischer Interventionen: Beide Eltern werden über die langfristigen zerstörerischen Folgen des Kontaktabbruchs für ihr Kind aufge-klärt. Danach sollte - auch gegen den Widerstand eines Elternteils - umgehend Umgang an-geordnet und gerichtlich durchgesetzt werden. Parallel dazu wird im Rahmen von ebenfalls angeordneter Familientherapie mit der ganzen Familie gemeinsam und fallweise mit dem um-gangsverweigernden sowie dem abgelehnten Elternteil alleine gearbeitet. Wenn das Kind nach Meinung von Psychologen einen eigenen Schonraum zur Verarbeitung des Erlebten braucht, erhält es ebenfalls Einzeltherapie. Die Möglichkeit und Notwendigkeit, Eltern-Beratung, sys-temische Familientherapie, Mediation, Elternschulung, Scheidungskinder-Gruppen, Anti-Gewalt-Trainings und jedes der vielfältigen Angebote zur Konfliktbewältigung innerhalb vor-gegebener Zeitrahmen richterlich anordnen und durchsetzen zu können, bilden in den USA und andernorts die Basis der Arbeit mit hoch konflikthaften Trennungsfamilien.

Deutschen Richtern steht dieses Instrument (noch immer) nicht zur Verfügung. Zunehmend kommt es jedoch zu Vereinbarungen mit den Eltern, die juristische Auseinandersetzung ruhen zu lassen und ihren Konflikt auf einer beraterisch-therapeutischen Ebene zu lösen.

Zeitlich über Jahre hinweg ausgedehnte gerichtliche Verfahren begünstigen die Aufrechterhal-tung dysfunktionaler Familienbeziehungen. Daher ist es von vorrangiger Bedeutung, die Verfah-ren abzukürzen durch zeitlich begrenzte Interventionen. Deren Wirksamkeit kann in kurzen Ab-ständen überprüft und je nach Erfordernis angepasst werden.

Tiefgreifende zwischenmenschliche Konflikte sind allein mit den Mitteln der Justiz nicht zu lö-sen. Gerichtliche Entscheidungen können nicht zu gegenseitigem Verstehen, Verzeihen und zu Versöhnung führen. Familiäre Beziehungen sind über Generationen gewachsen, sie sind dyna-misch und ständig im Fluss, gerichtliche Entscheidungen können diesen Veränderungen mit ih-rem statischen Charakter nicht gerecht werden.

Mir ist kein Fall bekannt, bei dem weder die Androhung noch die Festsetzung von Zwangsmitteln zu einer Konfliktminderung geführt hätten. Zwangsmittel sind eher geeignet, Konflikte zu ver-schärfen und Gräben zu vertiefen. Beim Einbezug der Kinder in den Rechtsstreit verschärfen sie außerdem zusätzlich deren Loyalitätskonflikt. Da die Kinder von keiner Seite die notwendige Aufklärung über den Sinn und den Grund für diese Zwangsmittel gegen den betreuenden Eltern-teil erhalten, lasten sie diese „Strafe" dem umgangsbegehrenden Elternteil an.

 

V. Aufgaben und Rolle der Familienrichter

Die Justiz kann und sollte die Rahmenbedingungen zur Wahrung des geltenden Rechts bieten und klare Vorgaben machen zur verbindlichen, aktiven Beteiligung beider Eltern. Die richterliche Autorität kann einen Umdenkungsprozess einleiten, wenn mit Nachdruck auf den Ernst der aktu-ellen Konfliktsituation, auf die verheerenden Auswirkungen auf die Kinder und auf mögliche richterliche Entscheidungen, auch auf die des Sorgerechtsentzugs, verwiesen wird. Die Lösung der Konflikte wird innerhalb dieses Rahmens am ehesten auf beraterischen und therapeutischen Wegen erarbeitet.

Die folgenden zwei Beispiele aus jüngerer Praxiserfahrung zeigen Möglichkeiten zeitlich be-grenzter Interventionsstrategien mit parallelen gerichtlichen Vereinbarungen auf.

1. Widerspruchsverfahren gegen Umgangsaussetzung für zwei Jahre nach konflikthaften Kontaktversuchen seitens des Vaters gegen den Willen der Mutter:5

  • Empfehlung einer familientherapeutischen Intervention zur Klärung des aktuellen Elternkonflikts und zur Her-stellung von Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit. Dazu holt der Richter im Anhörungstermin die Zustimmung der Eltern ein. Diese wird protokolliert. Erster Termin und Person des Therapeuten werden von der Umgangsbegleiterin festgelegt und mitgeteilt.
  • Gleichzeitig wird ausgedehnter Umgang angeordnet und durchgeführt nach den Bedürfnissen der Kinder (zwei und drei Jahre), jeden Mittwoch und Samstag Nachmittag vier Stunden, für zwei Monate befristet, noch begleitet.
  • Danach nächster Anhörungstermin der Eltern und der Umgangsbegleiterin mit dem Ziel unbegleiteten Umgangs.

Bereits seit sechs Monaten nach der Anhörung funktioniert der unbegleitete Umgang der Kinder mit dem Vater. Die Mutter hat durch die Therapie Selbstsicherheit und Stärke gewonnen, sie kann Übernachtungen des älteren Kindes zulassen, obwohl diese im Umgangsbeschluss nicht vorgesehen waren. Obgleich der Vater nicht an der Therapie teilnimmt, hat sich die Familiensituation entspannt und das gerichtliche Verfahren wurde nicht wieder aufgenommen. 2. Umgangsbehinderung bis -verhinderung seit vier Jahren: festgestellte mangelnde Kom-munikations- und Kooperationsfähigkeit der Eltern, mangelnde Bindungstoleranz des betreuenden Elternteils, Verhaltensauffälligkeiten der Kinder:6

  • Ausführliche Klärung der Situation durch den Richter, Aufzeigen des geplanten Vorgehens, klarer zeitlicher Rahmen. Zusammenarbeit zwischen Richter, Jugendamt, Gutachter und Verfahrenspfleger.
  • Information durch den Richter an die Eltern: „Kontaktabbruch ist keine Familienangelegenheit mehr, die Ge-meinschaft trägt die nicht absehbaren Folgekosten in unterschiedlicher Form."
  • Es wird auf Anraten von Gutachter und Verfahrenspflegerin eine systemische familientherapeutische Intervention empfohlen, die Zustimmung zur Mitwirkung von beiden Eltern holt der Richter im Termin ein und protokolliert sie. Mit elterlicher Zustimmung werden ihnen Person des Therapeuten und erster Termin vom Richter umgehend mitgeteilt.
  • Nach drei Monaten erfolgt ein Bericht beider Eltern über Auswirkungen der Therapie auf den Umgang; bei wei-terer Verhinderung Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts auf einen Umgangspfleger, Übergabe der Kinder bei Gericht.
  • Nach drei Monaten erfolgt ein Bericht des Umgangspflegers an das Gericht. Danach wird bei weiter gehender Umgangsverhinderung die elterliche Sorge zeitlich befristet entzogen und auf das Jugendamt übertragen. Ent-scheidungen über wichtige Angelegenheiten der Kinder werden durch beide Eltern unter Supervision der Verfah-renspflegerin getroffen. Die Rückübertragung erfolgt, wenn die Eltern eine übereinstimmende, gemeinsam (mit dem Therapeuten) erarbeitete und bereits für drei Monate praktizierte Umgangsregelung vorlegen können.

Sechs Monate nach Beginn der therapeutischen Intervention ist die Mutter damit sehr zufrieden, die Kinder haben seither ihren Vater jedoch nicht mehr gesehen. Hier wurde die Umgangsgestaltung nicht gerichtlich geregelt, sondern sie sollte zwischen Therapeut und Eltern abgesprochen werden. Der Therapeut hatte auch keine Vorinformationen erhalten. Der Vater hat nun einen Antrag gestellt auf einen Umgangspfleger mit erweitertem Wirkungskreis.

Für ein solches Vorgehen ist es erforderlich, Therapeuten über die spezifischen Rahmenbedin-gungen einer „angeordneten" bzw. zwischen Richter und Eltern vereinbarten therapeutischen Intervention innerhalb eines rechtlichen Rahmens aufzuklären. Dies ist Neuland und der Blick über den eigenen Horizont kann hilfreich sein bei der Ausgestaltung solcher Ansätze, die in ande-ren Ländern längst selbstverständlich sind.

Entgegen anderslautender therapeutischer Regeln sollte der Therapeut hier fallweise Vorinforma-tionen zur Verfügung haben, z. B. Gutachten oder Stellungnahmen, die dem Gericht als Grundla-ge für seinen Beschluss dienten. Das Ziel dieser Intervention ist definiert: Es gilt, die elterliche Kommunikation so weit wiederherzustellen, dass eine elterliche Zusammenarbeit im Interesse der Kinder über deren Belange möglich wird und dass beide Eltern die Beziehung ihrer Kinder zum jeweils anderen akzeptieren und zunehmend fördern können.

Vor Beginn der Intervention ist ein richterlicher Umgangsbeschluss erforderlich, der im Laufe der Intervention den Erfordernissen der Familie von den Eltern selbst angepasst werden kann. Die primäre Umgangsgestaltung kann jedoch nicht dem Therapeuten überlassen werden, da die-ser sonst in der Wahrnehmung eines oder beider Eltern seine Neutralität einbüssen könnte.7

 

VI. Aufgaben und Rolle der Familienrichter

Aus den vorgestellten US-amerikanischen Erfahrungen und wissenschaftlicher Ergebnisse ergibt sich die Feststellung, dass die Einhaltung bestimmter Prinzipien, die erfolgreiche Arbeit mit hochkonflikthaften Familien nachhaltig beeinflussen. Zu nennen sind hier vor allem:

  • frühe präventive Maßnahmen,
  • ausführliche Familien- und Kinderexploration zu Beginn des Prozesses,
  • familientherapeutische Arbeit (Einzel-Paar-Eltern/Kind-Familie),
  • klare richterliche Beschlüsse zur Wahrung der Eltern- und Kinderrechte.

Demgegenüber schaden einer Lösungsfindung für Kinder und Eltern:

  • Verzögerungsstrategien und damit verbunden ein langwieriger Rechtsstreit,
  • leere Drohungen ohne tatsächliche Konsequenzen,
  • Eltern-Kind-Kontaktabbruch.

In der gleichberechtigten Zusammenarbeit aller Professionen wird es am ehesten gelingen, für Trennungseltern und ihre Kinder tragfähige Lösungen zu finden, die es allen Familienmitgliedern erlauben, ihre Beziehungen zueinander lebbar zu gestalten. Dabei wären die Einbeziehung diffe-renzierter, neuer Konzepte in die Evaluation und in die therapeutischen und beraterischen Inter-ventionen bei hoch konflikthaften Familien sowie empirische Forschung auf dem Gebiet von Entfremdung und Kontaktabbruch wünschenswert.

 

 

Erklärungen

*Die Verfassein ist Dipl.-Psychologin, Systemische Familientherapeutin und Mediatorin.
1Zur Auseinandersetzung mit dem Parental Alienation Syndrom (PAS) vgl. u. a. Kodjoe/Koeppel DAVorm 1998, 9 - 28; dies. Kind-Prax 1998, 138 - 144; Salzgeber/Stadler Kind-Prax 1998, 167 - 171; Stadler/Salzgeber FPR 1999, 231 - 235; Jopt/Behrend ZfJ 2000, 223 - 231 u. 258 - 271; Fegert Kind-Prax 2001, 3 - 7 u. 39 - 42.
2Stahl, Complex issues in child custody evaluations. Thousand Oaks, 1999; Kelly/Johnston, Familiy Court Review 2001; 249 - 267; Blair, International Journal of Methods in Psychiatric Research, 1996, 15 - 22; Ellis, Journal of Child Psychotherapy 1994, 243 - 266; Perosa/Perosa, Journal of Counseling Psychology, 1993, 479 - 489; Sulli-van/Kelly, Family Court Review, 2001, 299 - 316; Johnston/Walters/Friedlander, Family Court Review, 2001, 316 - 334; Lee/Olesen, Family Court Review 2001, 282 - 299.
3Abgedruckt in Kelly/Johnston, Familiy Court Review, 2001, 249 - 267.
4Gardner, The Parental Alienation Syndrom, 2. Aufl. 1998; Kelly/Johnston, 2001.
5Vereinbarung geschlossen am 16. Juli 2002 vor dem OLG Karlsruhe.
6Vereinbarung geschlossen am 17. Juni 2002 vor dem AG Lahr.
7Ausführliche Darstellung zum case management siehe Sullivan/Kelly, 2001.