Mit dem ersten Kind
ist sie meist schlagartig vorbei, die Idylle der jungen Partnerschaft:
Die Mutter gibt ihren Job auf, wechselt Windeln und übernimmt den
Haushalt. Der Vater stürzt sich in die Arbeit, um der Versorgerrolle
nachzukommen.
Mit diesem Befund schließt sich die aktuelle LBS-Familienstudie, die
im Juni als Buch veröffentlicht wird, nahtlos ähnlichen Untersuchungen
an. Sie verdeutlicht jedoch auch: Unter der traditionellen
Aufgabenverteilung leiden nicht nur gut ausgebildete Frauen, die ihr
Glück nicht allein in der Kindererziehung sehen. Auch vielen Männern
macht die Rolle des Feierabend-Vaters zu schaffen.
Für Professor Wassilios Fthenakis, der für die Studie sieben Jahre
lang die Entwicklung von 175 Paaren beobachtet hat und überdies im
Auftrag des Bundesfamilienministeriums das Thema erforscht, ist klar:
"Zwei Drittel der Männer sehen sich nicht als Ernährer der Familie,
sondern als Erzieher ihrer Kinder." Doch das bleibt oft ein schöner
Traum: Kaum ist der Nachwuchs da, arbeiten Väter sogar mehr als vorher
und haben kaum Zeit, sich intensiv um Sohn oder Tochter zu kümmern. Laut
LBS-Studie steigt die durchschnittliche Arbeitszeit der Männer von knapp
über 30 auf etwa 40 Stunden pro Woche an. Viele Führungskräfte
verbringen womöglich noch wesentlich mehr Zeit im Büro.
Der wichtigste Grund: Nach wie vor lastet die finanzielle
Verantwortung für die Familie auf den Vätern. Auf keinen Fall wollen sie
ihren Job verlieren, oft möchten sie auf der Karriereleiter weiter nach
oben kommen. Damit stehen sie - wie die Psychologen Claudia Quaiser-Pohl
und Horst Nickel in einer aktuellen Studie schreiben - zunehmend unter
Druck: "Durch eine überdurchschnittliche Leistungsorientierung in allen
Lebensbereichen, im Beruf, der Vaterrolle und der Partnerschaft, setzen
sich junge Väter anscheinend unter einen extremen Erfolgszwang."
Beziehungen belastet
Ein großer Teil von ihnen scheitert - zumindest, was die
Partnerschaft betrifft. Sehr oft läutet das erste Kind das Ende der
glücklichen Beziehung ein: 90 Prozent der für die LBS-Studie befragten
Paare gaben an, dass sie weniger Zeit füreinander haben, jedes zweite
Paar berichtet von Verstimmungen und Spannungen, mehr als 60 Prozent
haben weniger Spaß im Bett. Bei Männern und Frauen klettern die
Depressivitätswerte, die Auskunft über Niedergeschlagenheit und
Unwohlsein geben, in bedenkliche Höhen. Die Zahl der Scheidungen spricht
eine deutliche Sprache.
Dabei liegt die Lösung auf der Hand. "Paare, die sich Erwerbsarbeit
und Kindererziehung teilen, kommen mit der Doppelbelastung am besten
zurecht", sagt Fthenakis. In Angriff nehmen dieses Modell jedoch nur die
wenigsten. Lediglich zehn Prozent der in der Studie befragten Väter mit
einem Kind arbeiten in Teilzeit. Bei zwei Kindern fällt ihr Anteil sogar
unter die durchschnittliche männliche Teilzeitquote von fünf Prozent.
Moderne Teilzeitregelungen
Inzwischen bemühen sich Unternehmen wie Lufthansa, Volkswagen und
Telekom darum, Männern Teilzeitregelungen schmackhaft zu machen.
Gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Christine Bergmann werben ihre
Vorstände unter anderem für die neue Elternteilzeit, nach der sich
Mutter und Vater bei der Kindererziehung abwechseln können und dabei bis
zu 30 Stunden pro Woche arbeiten dürfen. "Es setzt sich mehr und mehr
die Erkenntnis durch, dass Teilzeitkräfte die produktiveren und
kreativeren Mitarbeiter sind und dass ein glückliches Privatleben das
berufliche Engagement fördert", berichtet Gisela Erler, Direktorin der
"Europäischen Work-Life-Balance-Konferenz". Sie räumt indes ein: "Es
gibt natürlich noch viele Vorbehalte auf Seiten der Vorgesetzten und
Kollegen. Wichtig sind deshalb vor allem gute Vorbilder, die die
Vorteile für beide Seiten nachvollziehbar belegen." Die Hemmschwellen
bei den Vätern lassen sich nach Ansicht von Stephan Becker am besten mit
sanften Modellen überwinden. "Teilzeit bedeutet nicht zwangsläufig eine
halbe Stelle", erläutert der Geschäftsführer von Beruf und Familie,
einem Unternehmen der Hertie-Stiftung, die sich für eine
familienbewusste Personalpolitik in den Unternehmen stark macht. Wer 80
oder 90 Prozent der Zeit arbeitet, müsse weniger um seine Karriere
bangen, die finanziellen Einbußen hielten sich in Grenzen. Der Spielraum
für die Familie wird dadurch größer. Das Schlagwort heißt "Vollzeit
light". Bei den Berliner Wasserwerken heißt dies etwa, dass Mitarbeiter
die Arbeitszeit um bis zu zehn Prozent reduzieren können.
Seminarangebote von VW
Ob derlei Angebote ausreichen, ist jedoch fraglich: "In
Stress-Situationen neigen wir dazu, nach bekannten Mustern zu handeln",
sagt Stephan Höyng, der sich in einem EU-Projekt mit dem Wandel der
Arbeitswelt beschäftigt. Zudem seien diese sozial nach wie vor stärker
erwünscht. So sähen etwa die Mütter der jungen Väter ihre Söhne lieber
im Job als mit dem Nachwuchs auf dem Spielplatz. Höyng: "Sich dagegen zu
stemmen, bedeutet einen ständigen Willensprozess."
Den unterstützt zum Beispiel Traudel Klitzke, Frauenbeauftragte bei
Volkswagen. Der Wolfsburger Konzern bietet im Rahmen der betrieblichen
Weiterbildung ein Seminar zur Work-Life-Balance für werdende Eltern an.
Darin besprechen die Partner noch bevor das Kind ihr ganzes Leben
umkrempelt, wie sie die Arbeit aufteilen werden und wie das Unternehmen
ihnen dabei helfen kann.
Die Angst vor dem Karriereknick, der sich in den Gedanken vieler
junger Paare wie ein Damoklesschwert manifestiert, will Klitzke
relativieren: "Die Fähigkeiten, die Eltern bei der Kindererziehung
erwerben, sind Schlüsselqualifikationen, die wir von unseren künftigen
Führungskräften verlangen." Gefragt seien Organisationsgeschick,
Teamfähigkeit und der souveräne Umgang mit kritischen Ereignissen - etwa
wenn das Kind krank wird oder die Tagesmutter ausfällt.
Trotz der guten Argumente ist Work-Life-Balance-Expertin Gisela Erler
sicher, dass die Entwicklung zum partnerschaftlichen Familienmodell Zeit
braucht. Sie rät Vätern, die ihre Situation verändern wollen, über
Alternativen nachzudenken und diese ihrem Vorgesetzten als konstruktiven
Vorschlag zu unterbreiten. Ein erster Schritt kann schon die Ansage
sein: "Freitags keine Besprechungen nach 16 Uhr. Dann hole ich meinen
Sohn ab."