ARTIKEL VOM 06.12. WAS MÄNNERN, DIE AUFS BABYJAHR VERZICHTEN, ALLES ENTGEHT: BERICHT ÜBER EINEN SELBSTVERSUCH
Wenn der Vater mit dem Sohne

ALBRECHT THIEMANN

BERLIN "Die
meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt." Wohl wahr. Wie so vieles, was Erich Kästner zu Papier brachte. Ich zum Beispiel muss meine alleinstehende alte Patentante fragen, um zu erfahren, was sich so im Frühstadium meines Erdendaseins zugetragen hat. Natürlich sprudelt es dann aus ihr heraus. Tanten erinnern sich an alles. Jedenfalls reden sie so, als ob sie noch alles vor Augen hätten.

All die Anekdoten, Impressionen, Geschichten aus einer fernen, vorsprachlichen Zeit, als der Blick auf die große, weite Welt noch unschuldig und das Leben in der kleinen Kinderwelt noch in Ordnung war. Ob sie auch stimmen, die putzigen Erzählungen der Tanten? Was ist authentische Erinnerung, was verklärende Phantasie? Schwer zu sagen. Weil die infantile Blauäugigkeit irgendwann verschwand, unauffindbar absank in die hinterletzten Hirnwindungen.

Nun ist sie plötzlich wieder da. Nicht als scharf konturiertes Bild oder klare Szenerie, aber doch unmittelbar präsent. Ein starkes, frisches, beflügelndes Gefühl, das jeden Gedanken an die Midlife-Crisis, die ein Vierzig-plus-Exemplar wie mich eigentlich längst aus der Bio-Psycho-Kurve hätte tragen müssen, dauerhaft in Schach hält. Es gibt ihn manchmal tatsächlich, den Unterschied zwischen dem biologischen und dem gefühlten Alter. Zumindest, wenn man einen triftigen Grund hat. Der Grund für meine unverhoffte, eingebildete Verjüngung: die Geburt meines Sohnes Jakob.

Und heulte vor Glück

Zweieinhalb Jahre liegt dieses normalste und zugleich überwältigendste Wunder, das ein Mensch unter der Sonne erleben kann, heute zurück. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als das Kind zum ersten Mal in meinen Armen lag. Ein paar Minuten war es gerade da, blinzelte ungläubig in das Kreißsaalkunstlicht einer Neuköllner Klinik und schien noch zu rätseln, ob es mit dem Wechsel vom warmen, kuscheligen Mutterbauch in die luftigen Vaterarme wirklich das große Los gezogen hatte. Ich schaute in Jakobs Knopfaugen und heulte vor Glück. In diesem Moment war mir klar, dass ich es machen würde. Und ich habe es gemacht.

Zwölf Monate bin ich der Redaktion fern geblieben, um mich auf das Kind und die Familie zu konzentrieren, mit allem Drum und Dran. Vom Laufenlernen bis zum Kindergarten - eine rasante, atemberaubend spannende Etappe. An Stelle der Pressekonferenzen war nun Popopudern angesagt, statt um das Neueste aus Politik, Kultur und Medien ging es jetzt um vermeintlich so banale Dinge wie Windelwechsel, Krabbelgruppen, Küchendienste, Spucktücher, Quietschpuppen, Sandkästen und Gutenachtlieder. Die ganze lebenswichtige Routine eben, für die gewöhnlich die weibliche Hälfte der Schöpfung einsteht. Pampers oder Fixies? Klopapier oder Feuchttücher? Créme oder Öl? Hipp, Alete oder Öko-Gläschen? Das waren die Grundsatzfragen, die mein Denken fortan bestimmten. Der Rest der Welt musste warten - bis das Kind schlief, pappsatt und frischgewickelt. Welch ein Erlebnis! Ach, könnten bloß alle Papas mal "hauptamtlich" von jener fordernden Freiheit kosten.

Das klassische Rollenverständnis zwischen Mann und Frau mag sich verändert haben, doch Väter, die ihrem Nachwuchs ein Sabbatjahr widmen (oder für ihn gar den Beruf aufgeben), bilden in Deutschland nach wie vor eine winzige Minderheit. Vor zehn Jahren nahmen laut Bundesfamilienministerium gerade mal 4736 berufstätige Männer die ihnen gesetzlich zustehende Elternzeit in Anspruch, 1999 waren es 6032. Zieht man zum Vergleich die entsprechenden Frauenquoten heran, wird dieser Minderheitenstatus schlagartig sichtbar: 1993 wurden 366 703, 1999 exakt 382 755 Mütter registriert, die ihren Arbeitsplatz vorübergehend zugunsten der Heimarbeit rund ums Kind aufgaben. Mit anderen Worten: In der Regel stehen 100 erziehungsbeurlaubten Frauen nicht einmal zwei Männer gegenüber, die ihnen nacheifern. Tendenz stagnierend.

Nicht überall ist der Anteil ganztägig erziehender Väter allerdings so niedrig wie bei uns. Besonders in einigen skandinavischen Ländern sieht es völlig anders aus: So traten nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung über die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" Mitte der neunziger Jahre in Dänemark zehn Prozent der Väter einen Babyurlaub an, in Schweden 36 Prozent und in Norwegen sogar 80 Prozent, während der entsprechende EU-Durchschnitt bei fünf Prozent lag. Was nicht unbedingt den Schluss zulässt, dass nordische Männer per se bessere Menschen wären. Ihre statistisch beeindruckende Kinderfreundlichkeit hängt vor allem mit dem Umstand zusammen, dass - etwa in Schweden und in Dänemark - der Staat im Freistellungsfall das Gros oder die komplette Summe des letzten Arbeitsentgelts übernimmt.

Andererseits gewährt unter den EU-Nationen nur Frankreich einen so großzügig bemessenen Rechtsanspruch auf Kinderzeit wie Deutschland: bis zu drei - beliebig aufteilbare - Jahre können Eltern hier zu Hause bleiben, um ihre Juniorpartner zu betreuen. Zum Vergleich: In Schweden liegt das Maximum bei einem Jahr und drei Monaten, in Dänemark bei einem Jahr Elternurlaub und einem Jahr Kinderbetreuungsurlaub.

Einzige männliche Mutter

Nur: Was nützen die familienfreundlichsten Gesetze, wenn bei ihrer Inanspruchnahme der Lebensunterhalt nicht mehr zu finanzieren ist? Von 154 Euro Kindergeld und jenen 307 Euro Erziehungsgeld, die der Staat während des ersten Lebenshalbjahrs des Kindes monatlich überweist, kann selbstredend keine Familie existieren. Kaum überraschend also, dass die aufwändige Väter-Kampagne der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) kaum Früchte trug. Ein Jammer, wenn ich den emotionalen Mehrwert aufrechne, den die Zeit mit dem Kind "gebracht" hat.

Ich hatte einfach Glück. Mein Arbeitgeber und die Kollegen spielten ohne Murren mit und - das Wichtigste - es gab da eine Person, die den großen und den kleinen Mann ernährte: meine Frau. Während wir uns auf dem Spielplatz herumtrieben, die Enten im Park fütterten, Bilderbücher bestaunten oder andere Kinder besuchten, sorgte sie für die materielle Basis des Rollentauschs. Und bescherte der oft einzigen "männlichen Mutter" nicht selten kuriose Konversationsmomente. Zum Beispiel, wenn die echten Mütter angesichts der munter in einem kirchlichen Babyturnraum durcheinanderquakenden Kleinen bei grünem Tee diverse Stilltechniken erörterten oder ihre postnatalen Menstruationsrhythmen abglichen.

Da konnte man(n) zwar nur noch interessiert schweigen, doch irgendwie fanden es die Frauen auch ganz toll, einen um den Filius bemühten Daddy in ihrer Mitte vorzufinden. Schon deshalb waren alle Brüllarien, alle versandeten Teppiche oder überschwemmten Badezimmer, die mich von Zeit zu Zeit auf Trab hielten, im Nu vergessen.

Mein Fazit: Trauen Sie sich, wenn irgend möglich. Stellen Sie Ihren Nachwuchs ruhig mal ins Zentrum des Alltags. Sie können nur gewinnen. Eine Auszeit mit Kind ist die beste Investition fürs Leben. Denn eines ist doch klar: Die Arbeit kann (fast) immer warten, kleine Kinder warten nie.