Justiz erhebt schwere Vorwürfe gegen einen Rechtsanwalt und gegen eine Sachverständige – Beide im Görgülü-Verfahren eingebunden

 

Im Fall des türkischen Vaters Kazim Görgülü, der seit sieben Jahren verzweifelt um seinen leiblichen Sohn Christofer kämpft, der kurz nach seiner Geburt unter ungeklärten Umständen in einer Pflegefamilie in Sachsen-Anhalt untergebracht wurde und dessen Fall aufgrund der höchst umstrittenen Entscheidungen des Oberlandesgerichtes Naumburgs unter anderem fünfmal das Bundesverfassungsgericht und einmal den Europäischen Gerichtshof in Straßburg beschäftigt hat, werden neue skandalöse Einzelheiten bekannt:

 

                  I. Die beauftragte Gutachterin Kerstin von Gehlen ist aktuell wegen offensichtlicher Begutachtungsfehler im Fall des toten Benjamin aus Schlagenthin in die Schlagzeilen geraten

                  
II.
 der die Pflegefamilie Heiko Bauer und seine Frau (Quelle: DER SPIEGEL 52/2005) im Fall Görgülü vertretende Hamburger Rechtsanwalt Peter Hoffmann hat vor dem Oberlandesgericht Hamburg am 21. September eine empfindliche Niederlage einstecken müssen. Der Senat kam in seinem Beschluss zum Ergebnis, dass „der Anfangsverdacht zum Kinderhandel hinreichend dargelegt ist.“ (AZ Oberlandesgericht: 1 OBL 93-94/06)

 

I.

Wie die „Magdeburger Volksstimme“ berichtet, hat die Diplompädagogin Kerstin von Gehlen im Prozess gegen die Eltern des toten Benjamin aus Schlagenthin (Sachsen-Anhalt) nicht erkannt, dass der kleine Junge schon Monate tot ist. Frau von Gehlen bejahte sogar die Erziehungseignung der jetzt vor Gericht stehenden Eltern. Dagegen kam der Vorsitzende Richter Henss zur Einschätzung, die anderen Kinder seien ebenfalls „gröblichst vernachlässigt worden und haben dadurch schwerste körperliche und seelische Schäden erlitten.“ Unzureichende Ernährung, Gesundheitsfürsorge und Hygiene, Spielen im Freien als Ausnahme, unbeheizte Zimmer, zählte der Richter auf. Nach dem Tod des kleinen Benjamin sei es ihnen sogar noch viel schlechter ergangen.

 

Dies alles hat die auch im Görgülü-Verfahren tätige Sachverständige von Gehlen nicht gesehen. Und noch etwas: für die Erstellung ihres Gutachtens soll Frau von Gehlen nach Presseberichten sage und schreibe zehn Monate gebraucht haben!

 

Bereits im Juli 2006 hat Kazim Görgülü das in seinem Fall vom Oberlandesgericht Naumburg beauftragte und von Frau Kerstin von Gehlen erstellte Gutachten massiv angegriffen. Schon damals stellte er die fachliche Kompetenz der Kerstin von Gehlen komplett und sehr umfassend begründet in Frage und monierte auf 20 Seiten (!) unter anderem:

 

  1. „Die Gutachterin ist des weiteren Diplompädagogin und hat keine Qualifikation für die Erstellung von tiefenpsychologischen Ausführungen. Sie darf deshalb das Gutachten auch nicht als familienpsychologisches Sachverständigengutachten bezeichnen.
  2. Ihre gutachterlichen Empfehlungen sind kompetenzüberschreitend und subjektiv. Sie sind in keiner Weise fachwissenschaftlich. Die Ergebnisse sind mit Phrasen formuliert und beinhalten vorwiegend nur Halbwissen. Sie spiegeln die fachliche Inkompetenz der Gutachterin wieder.
  3. Die Gutachterin äußert sich zu klinisch relevanten Aspekten zu denen sie sich aufgrund ihrer mangelnden Qualifikation nicht äußern kann. Z.B. phantasiert sie über eine psychosensexuelle Identitätsentwicklung des Kindes. Dies kann die Gutachterin nicht einschätzen, da sie keine klinische Ausbildung hat. Sie schreibt z.B. „indem der Energieaustausch sich auf allen beiden vollzieht“. Es liegt eine Aneinanderreihung von bloßen Phrasen vor.
  4. Die Gutachterin hat eine falsche Angabe im Gericht gegenüber der Prozessbevollmächtigten des Vaters gemacht. Sie hat behauptet, dass sie eine klinische psychologische Ausbildung hat. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Die Gutachterin besitzt keine klinische Ausbildung.“

 

In der letzten mündlichen Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Naumburg hat sich herausgestellt, dass die beauftragte Sachverständige keine Ausbildung als Diplom-Psychologin hat, sondern lediglich Diplom-Lehrerin für Deutsch und Englisch ist und einen Fachabschluss für „Pädagogische Psychologie“ besitzt, den sie 1985, also noch in DDR-Zeiten erworben hat. Damit dürfte sie für sämtliche familiengerichtliche Gutachten völlig ungeeignet und sich gar nicht mit diesen hoch komplexen Fragestellungen allein beauftragen lassen. Gesetzlich wäre sie verpflichtet gewesen, unverzüglich zu prüfen, ob der Auftrag in ihr Fachgebiet fällt und ohne Hinzuziehung weiterer Sachverständiger erledigt werden kann. Falls dies nicht der Fall ist, hätte sie das Gericht unverzüglich verständigen müssen. Das hat Frau von Gehlen nicht getan.

 

II.

 

Wie die online-Ausgabe des STERN, das Hamburger Abendblatt, DIE WELT und andere Medien im Juli berichtet haben, ist ICCO (International Child Care Organisation) im Juli die Lizenz zur Adoptionsvermittlung entzogen worden. Zweimal hat die Hamburger Kripol eine Wohnung, eine Anwaltskanzlei und ein Büro in der Innenstadt mit exquisiter Adresse am Neuen Wall durchsucht. Der als gemeinnützig anerkannte Verein ICCO vermittelte jahrelang auf Hamburgs Prachtstraße Kinder aus der Dritten Welt zur Adoption nach Deutschland.

Der schwerwiegende Vorwurf gegen die erste Vorsitzende Eva-Maria Hofer und deren Lebensgefährten, den zweiten Vorsitzenden, Rechtsanwalt Peter Hoffmann: Kinderhandel und Untreue. Es dürfte in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte einmalig sein, dass gegen einen Rechtsanwalt, der in einschlägigen Pflegeeltern-Kreisen und –Verbänden als „Experte“ bejubelt und entsprechend empfohlen wird, wegen Kinderhandel auf Hochtouren staatsanwaltlich ermittelt wird. Peter Hoffmann vertritt als Rechtsanwalt im Görgülü-Verfahren die Interessen der Pflegefamilie Bauer

Hoffmann hat sich wohl offenbar gegen die Durchsuchungen seiner Kanzlei gewehrt. Vergeblich. Nach Entscheidungen des Amtsgerichtes und des Landgerichtes Hamburg bescheinigte ihm nun der zuständige Senat vor dem OLG Hamburg laut Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Bagger, dass „der Anfangsverdacht des Kinderhandels hinreichend dargelegt wurde“. Damit dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Ermittlungen unter anderem wegen § 236 (4), 1. BGB der Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind und Anklage gegen den Anwalt Peter Hoffmann und Eva-Maria Hofer wegen Kinderhandel und Untreue erhoben wird. Im Falle einer Verurteilung droht beiden eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren.

 

Wie die französische Nachrichtenagentur AFP am 21. Oktober berichtete, ist der Tagungsordnungspunkt „Görgülü gegen Deutschland" im Ministerkomitee des Europarats schon zur Routine geworden. Auch bei ihrer jüngsten Sitzung wollten die Vertreter der Europaratsländer wissen, ob der in Sachsen-Anhalt lebende Türke Kazim Görgülü seinen siebenjährigen Sohn Christofer inzwischen regelmäßig sehen darf und somit eine Beziehung zu ihm aufbauen kann. Und wieder einmal mussten die deutschen Diplomaten einräumen, dass ein entsprechendes Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg vom Februar 2004 noch immer nicht umgesetzt ist.

 

Die Zeit läuft gegen den Vater. Denn der wird Tag für Tag von seinem Sohn fern gehalten.(bih)  

Verteiler: dpa, kna, epd, afp, ap, ddp, reuters, SPIEGEL, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Magdeburger Volksstimme, Mitteldeutsche Zeitung, Süddeutsche Zeitung, MDR, Hürriyet, Milliyet, CNN/Türkische Redaktion in Berlin

Bundesministerium für Justiz, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, Botschaft der Republik Türkei in Deutschland.