Anmerkungen zur Identitätszerstörung durch pädagogische Arbeit bei Dissens e. V. Berlin -
siehe René Pfister: Der Neue Mensch –SPIEGEL 30. 12.2006)

Wer Identitäten zerstört, der zerstört Menschen. Folter ist der extremste Weg solche Verwirrungen auszulösen. Warum die Zerstörung von Identität bei Dissens e. V. als pädagogisches Instrument eingesetzt wird, lässt sich wissenschaftlich nicht begründen. Identität zerstörende Jungenarbeit ist weder ein wissenschaftlich gesichertes noch anerkanntes Verfahren in der Sozialpädagogik, der Pädagogik oder der Weiterbildung; ganz zu schweigen von Beratung, Psychotherapie und Psychiatrie. Identitätszerstörung – und bereits -verwirrung – führen zu pathologischen Zuständen, die als leidvoll und desorientierend erlebt werden. Der Jugendliche, dem mitgeteilt wurde, dass er sich nur einbilde einen Penis zu haben, in Wirklichkeit aber eine Scheide habe, wird das als zutiefst beschämend und desorientierend erlebt haben.
Sollte er darauf mit Gewalt reagiert haben, so wäre das im Hinblick auf die zugefügte tiefe Beschämung nicht überraschend. Psychotherapie ist der bevorzugte Weg zur Heilung von Leidenszuständen, die mit Identitätszerstörung verbunden sind. Soweit die Zerstörung von benennbaren Quellen ausgeht, muss deren Einfluss, wenn das möglich ist, beseitigt werden.

Identitätszerstörung, wie sie nach dem Bericht des SPIEGEL vom 30.12.2006 von Dissens e. V. in Berlin in dieser und wohl noch in vielen anderen weniger spektakulären Formen praktiziert wird, kann deshalb nur als politischer Kampf verstanden werden. Seine eigentliche politische Funktion besteht darin, dass – letztlich - randständige sexuelle Identitäten vom Druck der psychischen Abweichung vom Normalen sich befreien wollen. Denn wenn Identitäten beliebig geworden sind und das steckt hinter dem Kampfbegriff als Wunsch, dann gibt es weder Normales noch Anormales. Das Konzept ist im Wesentlichen in der schwullesbischen Bewegung formuliert worden, die sich damit von dem Begründungsdruck der Andersartigkeit befreien wollte – sei es des Pathologischen, des Abweichenden oder der genetischen Deviation.

In der American Psychological Association (APA) wird diese Form der Beratung und Pädagogik wie andere Formen der Pädagogik und Therapie nach langem Schweigen der Fachöffentlichkeit jetzt offen kritisiert (R. K. Wright and N.
A. Cummings, New York 2005). Die Kritik zentriert sich darauf, dass Menschen aus persönlicher Betroffenheit private Lösungskonzepte für eigene Probleme sich ausdenken und diese ohne wissenschaftliche Prüfung als marktfähige Angebote für die Allgemeinheit anpreisen.

Der SPIEGEL-Beitrag dokumentiert, wie ein Jugendlicher in einer pädagogischen Gruppe von Dissens, der auf seiner Meinung von Geschlechterdifferenzen bestand, von ohnmächtig sich erlebenden Pädagogen im Kern seiner Identität erschüttert werden sollte, damit er sich deren Meinung unterwirft und damit gefügig wird. Die Gewaltförmigkeit des „pädagogischen Handelns“ liegt auf der Hand. Denn pädagogisches Handeln zeichnet sich – vergleichbar dem elterlichen Handeln - dadurch aus, dass die Beziehung zu dem eigensinnigen Jugendlichen aufrecht erhalten werden kann, und eben nicht in gewalttätiger Identitätszerstörung Zuflucht gesucht werden muss, damit die eigenen psychische Unsicherheit nicht zutage tritt.
Pädagogik, die gewalttätig wird, um „den neuen Menschen“ zu schaffen, ist totalitär; so wie wir es von untergegangen totalitären Gesellschaften mit Entwürfen vom neuen Menschen bereits kennen.

Da das Familienministerium unter Frau von der Leyen solche Arbeit offenbar für erstrebenswert hält und sie deshalb finanziell unterstützt, sollte die CDUCSU präzisieren, ob das ihrem Verständnis von den zukünftigen Beziehungen von Männern und Frauen entspricht. Wenn das die anderen Parteien ebenfalls täten, wäre das sicher eine sinnvolle Klarstellung darüber, ob sie Veränderungen des Geschlechterverhältnisses mit Gewalt herbeiführen wollen oder ob sie den Prozess der gegenseitigen Veränderungen von Männern und Frauen bevorzugen. (6. Januar 2006)

Prof. Dr. Gerhard Amendt
Institut für Geschlechter und Generationenforschung
Universität Bremen