Bundeszentrale für Politische Bildung

Väterlichkeit, Scheidung und Geschlechterkampf

von Gerhard Amendt / Aus Politik und Zeitgeschichte (B 19/2004)

Inhalt
Einleitung
Sensibilisierung der Scheidungsväter
"Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat"
Die Scheidung als Recht und als Aggression gegen Kinder zugleich
"Muss Papa schuldig sein, damit auf Mama kein Schatten fällt?"
Väterlichkeit nach der Scheidung
Schlussbemerkungen


Einleitung
In seiner Neujahrsrede 2004 äußerte Bundeskanzler Gerhard Schröder den Wunsch, "dass sich mehr Frauen trauen, Kinder zu bekommen". Aber ist die demographische Schrumpfung allein darin begründet, dass Frauen zu wenig Kinder gebären? Wünschen sich Männer nicht ebenfalls Kinder, und mangelt es ihnen nicht ebenfalls an Mut? Wer den Wunsch von Vätern nach Kindern übersieht, beschreibt sie folgerichtig in Gesetzesentwürfen nur noch als deren Erzeuger, weil er auf die Alleinerziehendenkarte setzt. Männer so zu katalogisieren, ermangelt allerdings der political correctness. Denn hinter einer solchen Denkweise verbirgt sich, dass der kleine Mensch der Frau vom Manne als Homunkulus eingepflanzt wird und sie ihm fortan nur als Gewächshaus dient; so als hätten Knaus und Ogino nicht vor mehr als hundert Jahren Ei und Ovarien entdeckt, und anatomische Unaufgeklärtheit überwunden.
Ebenfalls im Januar 2004 ließ das Bundesfamilienministerium untersuchen, ob auch Männer kinderlos bleiben, weil sie sich - wie die Frauen - nicht trauen. Es zeigte sich, dass insbesondere Männer ohne Schulabschluss und mit niedrigem Einkommen den höchsten Anteil an den Kinderlosen stellen (abgesehen von Abiturienten).[1] Wahrscheinlich fürchten sie, dass sie dem vorherrschenden "Male-breadwinner"-Prinzip, nicht entsprechen könnten und wollen Frauen Enttäuschungen und sich selber Blamagen ersparen.

Als Michaela Noll, Vertreterin der CDU in der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, ebenfalls in diesem Jahr das zirkulierende Diktum vom Umgangstourismus[2] aufnahm, um Kinder vor ermüdenden Besuchen bei Verwandten zu bewahren, brach unter politisch engagierten Scheidungsvätern - wie im Verein "Väteraufbruch für Kinder"- ein Sturm der Entrüstung los. Statt Umgangsreglungen nach der Scheidung zu erleichtern, denke der Gesetzgeber darüber nach, wie Kontakte zwischen den Generationen begrenzt werden könnten. Da über 80 Prozent der Kinder ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter haben, deuten Scheidungsväter die "Vereitelung von Umgangstourismus" als Diskriminierung! Denn nicht zu viel Umgang gibt es, sondern zu wenig. So hat unsere Befragung von 3 600 Scheidungsvätern[3] gezeigt, dass Väter in den unteren Einkommensschichten den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, weil sie von ihren Exfrauen abgewiesen werden. Deren Vorstellung von Väterlichkeit besagt nämlich, dass nur ein versorgender Mann "verdient" ein Vater zu sein.[4] Deshalb wird verarmten Scheidungsvätern der moralische Anspruch, ihre Kinder zu sehen, aberkannt. Recht und Wunsch der Kinder auf beide Eltern werden dadurch zu Makulatur.

Wenn Richterinnen die knappen Urlaubsepisoden der Kinder beim Vater zum Freizeit- oder LEGO-Daddy-Event[5] herabstufen, löst auch das Unverständnis aus. Der Wunsch vieler Väter, den gewohnten Alltag der Vergangenheit fortzusetzen, wird zur Realitätsflüchtigkeit erklärt. Solcherlei Erfahrungen lassen nicht wenige Scheidungsväter am Funktionieren demokratischer Institutionen und an "geschlechterneutraler" Gesetzesauslegung zweifeln.[6] Ebenso erleben sie Richter und Richterinnen als unwillig, sich gegen willkürlich Anordnungen verletzende Kindesmütter durchzusetzen, die nicht zu Unrecht davon ausgehen, dass ihre Zuständigkeit für die Kinder jede Geldstrafe zu einem hilflosen Unterfangen und jede Drohung mit Kindesentzug zu einer weiteren Belastung des Wohlfahrtsstaates machen.

Viele Scheidungsväter sehen darin eine richterliche Nähe zu konventionellen Bildern von Elternschaft, wonach sich gute Väterlichkeit vor allem mit Geldverdienen demonstrieren lässt. Das widerspricht dem Kindschaftsreformgesetz (KindRG) von 1998, das Kindern endlich beide Eltern als Grundbedürfnis bestätigt. Deshalb darf keinem Kind der Verlust von Vater oder Mutter durch die Scheidung zugemutet werden. Entgegen gängigen Vorstellungen gibt es nach der Scheidung deshalb auch keinen wertvolleren Elternteil mehr. Wer die Kinder drinnen betreut, ist nicht weniger wichtig als der, der draußen das Geld verdient. Das geht so weit, dass es unerheblich ist, ob Eltern sich respektieren oder ein aufreibendes Hassverhältnis nach der Scheidung pflegen. Jede Entscheidung, den Kindern einen Elternteil zu nehmen - bislang meist den Vater -, beruht auf Machtspielen und einem Muttermythos, der in ihr die Beste sieht. Geschiedene müssen sich nach der Scheidung ihrer Partnerschaft "elternfähig" machen.

Sensibilisierung der Scheidungsväter
Anhand dieser Facetten wird die Verletzbarkeit von Männern gegenüber Kommentierungen ihres Männlichkeitsverständnisses sichtbar. Immer deutlicher wird, dass sie sich nicht vorschreiben lassen wollen, was Väterlichkeit sei - Müllentsorgung und Windeln - und was sie nach der Scheidung noch sein dürfe: Urlaub mit Kindern. Männer haben eigene Vorstellungen und wollen nicht, dass diese verworfen werden. Allerdings sind diese keineswegs einheitlich. Sie werden zuallererst von der Elterntradition der untergegangenen Partnerschaft bestimmt, aber ebenso von der Schichtzugehörigkeit, dem Bildungsniveau sowie ihrem Verständnis von Männlichkeit und Weiblichkeit. Sie reichen von der Fortführung über die Einschränkung bis zur Einstellung der Beziehung zu ihren Kindern.

Weil es während der letzten 20 Jahre relevante Forschung über Männlichkeit nicht gegeben hat, wissen wir nur wenig darüber, wie Männer sich Väterlichkeit vorstellen. Andererseits ist sie immer Teil eines viel umfassenderen Männlichkeitsverständnisses. So lässt sich gerade im Anschluss an unsere Forschung sagen, dass die meisten Männer die Scheidung als eine ihrer schwersten Sinnkrisen erleben. Sie stellt für viele das Sinnstiftende in ihrem Leben in Frage: nämlich zu arbeiten, damit die Familie gut leben kann. Das veranlasst viele, auch ihre Väterlichkeitsvorstellung zu überdenken. Die hohe kurz- und langfristige Erkrankungshäufigkeit von knapp 75 Prozent der geschiedenen Männer[7] ebenso wie deren Gang zum Psychotherapeuten (30 Prozent) weist im Übrigen auf die Auswirkungen verletzter Sinnstiftung hin. Was einst alltäglich und üblich war, muss nach der Scheidung auf Beständigkeit überprüft werden - zumal dann, wenn Väter den Abbruch der Beziehung zu den Kindern vermeiden wollen. Und es ist die Angst davor, die in den meisten Auseinandersetzungen für viele Männer den Ausgangspunkt eines langjährigen Kampfes mit der Expartnerin bildet. Oft ziehen sich diese Kämpfe länger hin, als die Partnerschaft gedauert hat. Natürlich gibt es auch Männer, die nicht mit ihrer Exfrau kämpfen, sondern die mit der Mutter einvernehmlich zum Wohl ihrer Kinder handeln, obwohl sie beide nicht mehr als Paar die Eltern bilden.

"Höllisches Patriarchat und himmlisches Matriarchat"
Konflikte von Männern mit ihrer Exfrau oder Expartnerin entstehen allerdings nicht nur aufgrund persönlicher Enttäuschungen. Nicht selten besteht der Wunsch, offen oder versteckt Rache am anderen zu üben und dazu auch die Kinder in die eiserne Klammer der Loyalitätsbekundung - für mich und gegen den anderen - zu pressen.[8] Jenseits der zerstörerischen Kampfdynamik zwischen Geschiedenen hat in der öffentlichen Beurteilung von Männern ein Weiteres herausragende Bedeutung angenommen: ein äußerst abschätziges und von bösartiger Häme verzerrtes Männerbild.[9] Wenn wir deshalb über die verzerrte Wahrnehmung von Scheidungsvätern reden, dann kann das nur vor dem Hintergrund der allgemeineren Vorstellungen über die Eigenarten im Arrangement der Geschlechter[10] geschehen. Denn daraus werden auch die nicht weniger abschätzigen Mythen über Scheidungsväter abgeleitet. So können wir die konfliktreichen Erfahrungen von Scheidungsvätern überhaupt nur verstehen, wenn wir sie in ihrer Verschränkung mit den generalisierten Bösartigkeitsmythen lesen.

Diese Mythen wurden vom so genannten Genderfeminismus, dem Nachfolger des "Equityfeminismus", jenseits des wissenschaftlichen Diskurses[11] im Schutzraum abgeschotteter Förderprogramme an Universitäten entwickelt. In den USA haben sie sich zu einer Art feministischen McCarthyismus - einer Generalisierung von Kritikwürdigem mit Mitteln der kollektiven Hysterisierung wie weiland beim Antikommunismus - verdichtet, der eine paranoid gestimmte Verfolgung von Männern an liberalen Universitäten ausgelöst hat.[12] Daraus ist der Mythos von der gewalttätigen Männlichkeit hervorgegangen,[13] dem eine simple Weltsicht zugrunde liegt. Es wird davon ausgegangen, dass das Geschlechterarrangement "prinzipiell, global und immer" einem einzigen Strickmuster folgt. Danach zerfallen komplexe Alltäglichkeiten, wie sie sich innerhalb von Kulturen, sozialen Schichten, Ethnien, Männern wie Frauen entwickelt haben, in einen simplen Gegensatz: Hier das Gute, dort das Böse - das Gute sind die Frauen, das Böse sind die Männer, hier Opfer und dort Täter; friedfertige Frauen, denen kriegslüsterne Männer gegenüberstehen, und Anhängerinnen des Wärmestroms, denen die kalte männliche instrumentelle Vernunft beim Versuch, eine bessere Welt zu schaffen, im Wege steht.[14] Eigentlich sind "alle Männer potenzielle Gewalttäter" und Frauen ihre potenziellen Opfer.[15] Letztlich verheißt das Matriarchat die himmlische und das Patriarchat die höllische Schicksalsmacht.[16]

Auf Geschiedene wird in analoger Weise geblickt: Danach sind "allein erziehende Mütter ... allein gelassen und verarmt, ihnen stehen unterhaltsverweigernde Männern gegenüber, die sich pflichtvergessen jungen Frauen zuwenden". Auch diese Sicht kommt über kindliche Vereinfachungen nicht hinaus: Unverständliches wird durch simple Zuordnungen verständlich gemacht. Letztlich wird die gespaltene Welt der Geschlechter nach dem anatomischen Geschlechtsunterschied erklärt. Es ist also weder die soziale Welt, noch die kulturelle oder psychische in ihrer Vielfalt, die das Geschlechterarrangement in ständiger Bewegung hält, sondern das, was einen Mann und was eine Frau anatomisch schon immer unterschied - ihr Genital, das "wozu sie nichts können".

In der Zwischenzeit zerbröckelt diese biologische Sicht von Geschlechteridentität. Allerdings thematisieren das nicht so sehr die Geisteswissenschaften, sondern Politikentwürfe für das zukünftige Europa. Mit der Politik des Gender Mainstreaming wird dem polarisierten Geschlechterverständnis ganz pragmatisch zu Leibe gerückt. Beide Welten, die der Frauen und der Männer, sollen gleichermaßen untersucht und mit Hilfe von Politik verändert werden. Das abwechslungsreiche Verhältnis beider zueinander soll wieder an die Stelle unversöhnlich phantasierter Polarität treten.

Das hat auch Konsequenzen für die Scheidungsforschung. Sie wird nicht mehr nur aus der Perspektive von Frauen und Kindern betrieben werden (können), welche die Erfahrungen von Männern übergeht. Vielmehr werden Wechselwirkungen zwischen Scheidungspartnern untersucht werden müssen. Statt dem einen die Schuld und dem anderen die Unschuld zuzuschreiben, wird zukünftig zu untersuchen sein, warum es zum Beispiel zwischen mütterlicher Umgangsvereitelung und unzuverlässiger väterlicher Unterhaltszahlungen eine konfliktverschärfende Wechselbeziehung gibt. Beides - vereitelter Umgang und verweigerte Unterhaltszahlung - wird dann als Zeichen für ungelöste Konflikte und fehlende gegenseitige Anerkennung[17] untersucht. Damit eröffnen sich Perspektiven für sinnvolle Sozialpolitik und Konfliktlösung.

Die Scheidung als Recht und als Aggression gegen Kinder zugleich
Warum sich in den letzten 20 Jahren die Sichtweisen auf die Beziehung der Geschlechter feindselig polarisiert haben, kann hier nicht untersucht werden. Aber zum Scheidungsmythos von den "egoistischen Männern und den allein gelassenen allein erziehenden Müttern" soll eine Vermutung geäußert werden. Denn erst wenn es für die Polarisierung eine Erklärung gibt, könnte gesellschaftspolitisch versucht werden, den zahlreichen Traumatisierungen von Kindern vorzubeugen. Wichtig ist das nicht zuletzt auch deswegen, weil Eltern dann besser verstehen können, wie ihr Rosenkrieg ihre Kinder beschädigt.

Mit der Scheidung wird eine Ehe rechtlich beendet. Ob die Partner auch emotional getrennt sind, steht zumeist noch in den Sternen. Jede Scheidung hat weitreichende Folgen. Niemand spricht deshalb gerne über Scheidungen; sei es die eigene, die von Freunden oder die nicht auszuschließende, von der sich die eigenen Kinder bedroht fühlen. Scheidungen enthalten zumindest immer die Hoffnung auf eine Zukunft, die besser als die Gegenwart für die Erwachsenen ausfällt.

In irgendeiner Form ist mit Scheidungen immer ein sozialer Abstieg verbunden;[18] und sei es nur der, den der Verlust von Freunden, die sich mit dem anderen gegen den vermeintlich Schuldigen zusammentun, bedeutet. Vielfach wird der ökonomische Abstieg erst realisiert, wenn durch neue Steuerklassen der Unterhalt knapper wird. Die damit verbundene Geldverknappung wird nicht selten als böswillige Schikane und nicht als Konsequenz der Scheidung erlebt. Weil die steuerlichen Auswirkungen mit Schikanen gleichgesetzt werden, kommt es zu diesem Zeitpunkt vielfach zur Eskalation. Die Exfrau beginnt sich dafür zu rächen, dass sie ihr Leben nicht mehr wie früher führen kann, und beginnt, die Besuche der Kinder beim Vater zu erschweren, abzuwerten oder zu untersagen. Wenn Exfrauen nicht mehr das erwartete Geld erhalten, verwandeln sie die Kinder mitunter in ihre Währung, mit der sie heimzahlen und Krieg führen. So erleben es die Väter, und die Forschung bestätigt diesen Teufelskreis.[19]

Trotzdem wird man davon ausgehen müssen, dass Väter wie Mütter daran interessiert sind, dass die Auswirkungen ihrer Lebensentscheidung für ihre Kinder so gering wie möglich ausfallen. Was sie für sinnvoll halten, steht allerdings oft im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Kinder. Das gut Gemeinte ist oft dessen Gegenteil.

Dazu zählt, dass die Exfrau ihre Absichten bruchlos mit dem Besten für die Kinder gleichsetzt. So sind wir mehrfach darauf gestoßen, dass Mütter auf Grund der Arbeitsteilung in guten Zeiten den eingeschränkten Kontakt zum Vater nach der Scheidung nicht für problematisch halten. Sie meinen, dass er früher die Kinder auch nicht viel öfters gesehen hat, als sie ihm jetzt mit der Umgangsregelung zugestehen will.

Hier wird die grundsätzlich veränderte Beziehung der Geschiedenen allerdings nicht verstanden. Denn in guten Zeiten hat die Mutter den Vater während seiner Abwesenheit liebevoll repräsentiert, weil sie ihm als Frau in Liebe zugetan war. Und indem sie ihn als Partnerin bei den Kindern vertrat, gab sie zugleich ihre eigene Mütterlichkeit zu erkennen. Und nebenbei bestätigte sie, zu einem erotisch-sexuell verbundenen Paar zu gehören. Und sie vertrat ihren Ehemann als den anderen, der sie zum Paar mit ihm und zugleich zum Elternpaar machte. Sie waren ein Liebespaar und deswegen waren sie auch ein Elternpaar. Nach der Scheidung bleiben eine Mutter und ein Vater übrig, die beide ihre Beziehung zu den Kindern neu definieren müssen, und zwar jeder auf seine Weise. Bei wem die Kinder ihren Lebensmittelpunkt haben, ist dabei unerheblich, denn weder beim Vater noch bei der Mutter ist das Althergebrachte fortsetzbar. Der Verbleib in der alten Wohnung kann das nur verschleiern. Auch wenn die Geschiedenen noch so respektvoll miteinander kommunizieren, dass Ende ihrer Partnerschaft bedeutet das Ende ihrer Elternschaft.

Weil Scheidungen für die Kinder etwas sehr Schmerzliches sind, gibt es unter Eltern so etwas wie Selbsttäuschung, weil sie ihre Kinder eben nicht verletzt sehen wollen. Ihre Selbsttäuschung betrifft das, was sie den Kindern antun. Deshalb wird am nachdrücklichsten beschwiegen, dass Scheidungen eine von den Eltern gegen die Kinder gerichtete Form der Aggressivität darstellen. Diese Form der Aggressivität wird verleugnet. Deshalb sprechen Geschiedene nicht darüber und auch kein Ratgeber weist sie darauf hin. Je höher die Scheidungsziffern klettern, um so mehr greift diese Aggression um sich. Das Schweigen darüber ist ein Indiz für ihre Brisanz. Man schweigt tot, worüber Beschämung besteht. Solange diese Aggression totgeschwiegen wird, so lange können Kinder nicht über sie sprechen. Denn täten sie es, würden sie ihre Eltern beschämen, weil sie ihnen die Aggressivität als Preis ihrer Lebensgestaltung vorhalten würden.

Seit mehr als 25 Jahren wird über Gewalt an Kindern gesprochen, wie sie von Vätern und Müttern je auf ihre Weisen, aber zu gleichen Teilen ausgeübt wird. Ähnlich verhält es sich mit sexuellen Übergriffen. Der Gedanke aber, dass Scheidungen von Kindern als etwas Zerstörerisches erlebt werden, wurde bislang beschwiegen.

Zwar reden wir mit unseren Kindern über aktuelle Katastrophen, über den 11. September oder den Hunger in Teilen der Welt. Wir versuchen Kinder vor der Verstrahlung durch Atomkraftwerke, vor den Folgen genetisch veränderter Lebensmittel, Risiken des Straßenverkehrs, vor Pädophilie und dem Missbrauch durch Fremde und nahe stehende Menschen zu beschützen. Aber niemand kommt auf den Gedanken, die Scheidungen von Eltern als vergleichbares oder gar schlimmeres Unglück zu benennen.

Erstaunlicherweise taucht dieser Gedanke in der "Missbrauchsdebatte" an keiner Stelle auf, obwohl gerade Frauen in Wissenschaft, Politik und Selbsthilfe in der Diskussion dominieren, die sie zumeist namens der "weiblichen Opfer gegen ihre männlichen Täter" führen.[20]

Kinder erleben die Trennung der Eltern als Willkür. Sie können die Gründe der Familienauflösung nicht nachvollziehen, denn diese beziehen sich auf das Paar. Die Beziehung von Mann und Frau verschwindet für sie hinter der Elternschaft. Sie wissen, dass das etwas Besonderes ist, aber sie können es nicht begreifen. Die Auswirkungen erleben Kinder oft erst später, zuerst durchleben sie diffuse Existenzängste. Es wird ihnen etwas genommen, was sie nicht hergeben wollen, weil sie eins damit sein wollen.

"Muss Papa schuldig sein, damit auf Mama kein Schatten fällt?"
Nach unserer Untersuchung werden 80 Prozent[21] der Scheidungen von Frauen eingereicht. Damit vollziehen sie in den Augen ihrer Kinder den entscheidenden Schritt, der die Elternschaft zerstört.[22] Es gibt keine Forschung darüber, wie Frauen diese Entscheidung verarbeiten. Auf jeden Fall entstehen Schuldgefühle. Worauf die Forschung hingegen gestoßen ist, ist eine scheidungsmütterliche "Boshaftigkeit",[23] deren Ursachen nicht auf der Hand liegen, die sich aber dem Wunsch der Kinder nach ihrem Vater entgegenstellt. Dieses "Boshaftigkeitssyndrom" ist deshalb schwer nachzuvollziehen, weil Frauen sich damit das Leben selber erschweren, statt es sich durch häufigere Besuche der Kinder beim Vater zu erleichtern.

Wir vermuten, dass hier ein Zusammenhang zwischen weiblichen Schuldgefühlen wegen der Scheidung und der Vorstellung, "als Mutter nicht gut genug gewesen zu sein", besteht. Es ist eine noch genauer zu erforschende Vermutung, dass viele Frauen deshalb Väter wegstoßen, weil sie sich das Verschwinden der Väter so zurechtlegen, dass die Kinder sich die mütterliche Verurteilung des Vaters damit zu Eigen machen. Sie geben ihr also Recht und entlasten sie damit von ihrem Schuldgefühl. Es geht dabei weiterhin nicht um die Kinder, sondern darum, dass Mütter Entlastungen für ihre Schuldgefühle suchen, die sie wegen der Scheidung haben. Wenn Kinder dann den Vater nicht mehr sehen oder nur widerwillig sehen wollen oder gelangweilt, bedrückt und misslaunig von ihm zurückkehren, dann tun sie ihrer Mutter damit einen Gefallen, ohne es zu beabsichtigen. Nicht sie, sondern allein der Vater ist schuld daran, dass es den Kindern schlecht geht. Deshalb sollen und können die Kinder zu ihm keine gute oder überhaupt keine Beziehung haben. Wäre es anders, dann müsste die Frau ihren Anteil an der Schuld auf sich nehmen, dass sie beide den Kindern die Familie zerstört haben. Das könnte eine Quelle sein, die zu dem undifferenzierten Bild von den bösen Scheidungsvätern geführt hat

Väterlichkeit nach der Scheidung
Schuldabwälzungen von Exfrauen belasten Männer, aber es gibt darüber hinaus weitere Hindernisse, die ihnen den Kontakt zu ihren Kindern erschweren.

Unsere Forschung hat gezeigt, dass sich Männer nach der Scheidung ihren Kindern gegenüber gern wie früher verhalten möchten, d.h. wie zuvor den Alltag mit ihren Kindern gestalten wollen. Sie wollen, dass sich nichts ändert. Irgendwann merken sie, dass das nicht möglich ist.

Unsere Interviews haben uns Väterlichkeit als etwas sehr Individuelles vorgeführt. Sie ist von der Gesellschaft, aber immer auch von der Persönlichkeit des Vaters geprägt, die jeder Mann ungeachtet aller kulturellen Faktoren, die ihn formen, entwickelt. So waren Väter aus der Arbeiterschaft oder aus Schichten mit geringer Bildung immer etwas anders als etwa die Väter in Thomas Manns Buddenbrooks oder den Mittelschichten. Anders zu sein heißt jedoch nicht, schlechter oder besser zu sein.

Väterlichkeit hat es schon immer in unterschiedlichen Ausprägungen gegeben. Es verwundert, dass solche Trivialitäten der Erinnerung bedürfen. Des Rätsels Lösung liegt darin, dass Männlichkeit und Väterlichkeit unter den bereits angedeuteten Patriarchatsmythos[24] gezwungen wurden. Es sollte keine väterliche Individualität, sondern nur noch ein gewalttätiges und sexuell Missbrauch ausübendes Väterkollektiv geben. Daraus erklärt sich das ungebrochene genderfeministische Plädoyer für das alleinige Sorgerecht von Müttern, die den Vätern von Fall zu Fall nach Bewährung den Besuch ihrer Kinder gestatten wollen.

Nach der Scheidung müssen sich Männer auf veränderte Beziehungen zu ihren Kindern einstellen. Ob sie das schaffen oder nicht, hängt wesentlich davon ab, wie die Aufgaben des Broterwerbs und der Kinderversorgung früher untereinander abgesprochen waren. Wir gehen von zwei gegensätzlichen Modellen aus. Väterlichkeit und Mütterlichkeit sind in jedem Fall aber immer eine Mischung aus beiden.

Im ersten Modell gibt es eine Arbeitsteilung, in der sich die Elternschaft durch Gegensätzlichkeit vervollständigt. Der Mann sorgt allein für den Broterwerb, während sich die Frau allein um die Kinder und den Haushalt kümmert. Jeder respektiert den anderen und verlässt sich darauf, dass diese oder dieser pflichtbewusst und erfolgreich ist. Keiner von beiden macht obendrein dem anderen sein Terrain streitig. Das verhindert Konflikte, die aus dem Wunsch nach Veränderung entstehen.

Im zweiten Modell ist die Arbeit so aufgeteilt, dass beide zu gleichen Teilen für den Haushalt und den Broterwerb sorgen. Beide Teile respektieren diese Aufteilung und keiner will sie zu Lasten des anderen verändern.

Von diesen beiden Formen der Arbeitsteilung hängt es nun ganz wesentlich ab, ob es einem Scheidungsvater leicht fällt, den Kontakt zu seinen Kindern zu organisieren, oder ob er erst einmal vor einer neuen Welt steht.[25]

Im ersten Modell - gegensätzliche Vervollständigung - sind Väter einseitig kompetent für den Broterwerb, nicht jedoch für den Haushalt und den alltäglichen Umgang mit ihren Kindern. Nach der Scheidung müssen sie nicht selten auch das Terrain der Exfrau beherrschen, das heißt selbst erledigen, was früher die Partnerin für sie mit erledigte. Das ist ein Problem, das beachtliche Anpassungen erfordert. Männer entwickeln hier sehr individuelle Lösungen, mit denen sie auf die neuen Anforderungen reagieren. Eine davon ist der Rückgriff auf die eigenen Eltern. Er ist zwar hilfreich, aber er verschafft nur vorübergehend Luft. Zwischenzeitlich haben sich Vereine wie "Väteraufbruch für Kinder" (VAfK) dieser Aufgabe, neben vielen anderen Problemen von Scheidungsvätern, angenommen. Sie leisten solidarische und praktische Hilfe.

Sozialpolitisch hingegen wird davon keine Kenntnis genommen. Vielmehr wird VAfK-Vereinen die Unterstützung verweigert, die Anerkennung durch Träger der Freien Wohlfahrt versagt, weil in altfeministisch dominierten Verwaltungen Scheidungsväter rigoros auf gute oder schlechte Unterhaltszahler reduziert werden. Deren Rechte und Wünsche nach väterlichen Beziehungen werden allenfalls als störend empfunden. In solchen Einrichtungen machen Männer gerade der unteren Einkommens- und Bildungsschichten häufig bedrückende Erfahrungen. Die bereits erwähnte Demokratiekritik macht sich vor allem an Jugendämtern fest.

Das erste Modell der streng geteilten Zuständigkeiten birgt noch ein weiteres gravierendes Problem: Der vor allem am Broterwerb orientierte Mann ist auch nach der Scheidung auf die Anerkennung seiner Väterlichkeit durch die Exfrau angewiesen. Nun versagt sie ihm diese, auch die Bestätigung der väterlichen Nützlichkeit seiner Arbeit zum Wohl der Familie fällt weg. Nach der Scheidung gibt es dafür keinen Ersatz. Viele Scheidungsväter scheinen jedoch diese Anerkennung von der Exfrau weiterhin zu erwarten, zumal ihnen diese sonst kaum jemand geben kann. Die ausbleibende Anerkennung scheint ein höchst wirksames Mittel zu sein, das Männer - neben anderem - dazu bringt, ihre Unterhaltszahlungen einzustellen. Ohne Anerkennung erleben sie sich als Geldmaschine oder Dukatenesel, die sie nicht sein wollen.[26] Das ist ein Ergebnis der Forschungen von Sanfod L. Braver in den USA wie unserer eigenen. Aber möglicherweise gehört dieser Verlust der liebevollen Anerkennung zum typischen Schicksal jener Väter, die einst mit ihrer Partnerin nach dem Modell der streng geteilten Zuständigkeiten gelebt haben. Diese kaum erfüllbare Erwartung ist nach der Scheidung vielfach ein Grund dafür, dass sie den Kontakt zu ihren Kindern zerbröckeln lassen oder gar abbrechen. Wahrscheinlich lässt sich dieses Problem nur ganz allmählich lösen; dann nämlich, wenn Mythen von "verantwortungslosen Scheidungsvätern" aus dem öffentlichen Bewusstsein weichen und die Wirklichkeit von Scheidungsvätern wahrgenommen wird und deren außerfamiliäre Wertschätzung wieder einsetzt.[27]

Das zweite Modell hingegen, das durch gegenseitige Ergänzung (beide arbeiten draußen und drinnen) beschrieben wurde, macht es dem Vater leichter, an seine Väterlichkeit in guten Zeiten anzuknüpfen. Die organisatorische Abwicklung der Besuchstermine bedeutet für ihn nichts Neues. Aber auch er muss sich darauf einstellen, dass er mit seiner Expartnerin nicht mehr als Paar den Kindern gegenüber auftreten kann. Auf die gegenseitige Anerkennung, auch dessen, was beide gemeinsam hälftig machten, muss auch dieser Vater verzichten.[28]

Offenbar sind die Gewohnheiten aus den guten, partnerschaftlichen Zeiten noch immer ein mächtiger Wirkfaktor im Leben nach der Scheidung, und zwar sehr viel stärker, als hier in einer ausgewählten Facette angedeutet wurde. Letztlich geht es darum, für die Vaterschaft und die Männlichkeit nach der Scheidung einen Weg zu finden, welcher der Tatsache Rechnung trägt, dass der Vater in seiner Beziehung zu den Kindern jetzt ohne die Partnerin auskommen muss. Für viele geschiedene Männer ist das deshalb mehr als vertrackt, weil sie zwar geschieden sind, aber die alte Beziehung eigentlich fortsetzen möchten.[29]

Schlussbemerkungen
Vielleicht bietet die Politik des Gendermainstreaming den politischen Rahmen dafür, dass in Zukunft beide Geschiedenen in ihrer konfliktreichen Dynamik zur Kenntnis genommen und verstanden werden können. Unsere Forschung will dazu im Sinne des Gendermainstreaming einen Beitrag leisten. Wir haben Männer zu verstehen versucht, ohne deshalb auf den etablierten Mechanismus der Entwertung von Frauen - eben des anderen - zurückzugreifen.[30]

Die Ergebnisse unseres Forschungsprojektes widerlegen jenen etablierten, alltäglich anzutreffenden Mythos, dem zufolge Männer nicht über Gefühle reden. Was allgemein als männliche Wesensbestimmung gilt, entpuppte sich als situationsbedingtes Schweigen. Wer das Beschämende und Ungewisse im Leben von geschiedenen Männern anerkennt, ohne mit Stärke darauf zu reagieren, trifft auf Beredsamkeit und detaillierte Mitteilungen. Solange aber Frauen den Mythos vom starken Mann nicht so ohne weiteres und nicht ohne neue Sicherheiten aufgeben wollen, bleibt es bei der paradoxen Rhetorik, dass Männer zwar Gefühle zeigen sollen, dies aber dem Suchbild vom starken Mann keinen Abbruch tun darf. Wer starke Männer wünscht, damit sich Frauen als Opfer fühlen können und dürfen, wird unduldsam gegenüber ernsthaft schwachen Männern sein. Gefühle bringen immer zwei Seiten einer Person zum Ausdruck. Einen Mann, der die Macht seiner Schwächen kennt, als Täter zu bezeichnen hat etwas Komisches, dem keiner mehr Glauben schenkt. Wer von Schwächen redet, enttäuscht diejenigen, die Stärke von ihm erwarten! Und der vermeintlich schlechte Scheidungsvater ist ebenfalls ein starker Mann: Er scheint das Schicksal der Exfrau oder Expartnerin weiterhin zu beherrschen!

Internetverweise des Autors - Aktuelle Auseinandersetzungen:
www.deltabravo.net/custody/malice.htm
www.mesacanada.com/mps01.htm
www.ncfmla.org/focus_issues.html
www.independent.org/tii/media/pdf/ tir_08_4_baskerville.pdf
www.law.fsu.edu/journals/lawreview/downloads/304/ kelly.pdf

Gerhard Amendt
Dr. phil., geb. 1939; Universitätsprofessor, Direktor des Instituts für Geschlechter- und Generationsforschung an der Universität Bremen.
Anschrift: Universität Bremen, Institut für Geschlechter- und Generationsforschung, Postfach 330440, 28334 Bremen.
E-Mail: amendt@uni-bremen.dewww.igg.uni-bremen.de
Veröffentlichungen u.a.: Wie Mütter ihre Söhne sehen, Frankfurt/M. 1994; Vatersehnsucht, Bremen 1999; zuletzt: Scheidungsväter, Bremen 2004.