Zwischen Baum und Borke -
Loyalitätskonflikte von Kindern im Trennungs- und Scheidungsprozeß

von Inés Brock
Leiterin der Erziehungsberatungsstelle im IRIS-Regenbogenzentrum Halle
appr. Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin


Gliederung:

  1. Das Beste für das Kind - Kindeswohl
  2. Der Familienbegriff und das Phasenmodell der Verstörung
  3. Stadien der Ehekrise und des Trennungs- und Scheidungsprozesses
  4. Loyalitätskonflikte - ihre Entstehung und Ausprägung
  5. Bindungssicherheit - gute und schlechte Bedingungen
  6. Konsequenzen für den Umgang mit Scheidungskindern
  7. Elterliche Fähigkeit, die gefördert werden müssen

Das Beste für das Kind - Kindeswohl

Den Übergang zu einer neuen familialen Organisation der Familie erlebt heute jedes dritte Kind. Wie das einzelne Kind auf eine solche Situation reagiert, hängt von vielen Faktoren und Einflüssen ab. Auch wenn größere Anpassungs- und Bewältigungsleistungen zugemutet werden, als bei vergleichbaren Altersgenossen, braucht nicht jedes Scheidungskind eine Therapie. Dennoch muß davon ausgegangen werden, daß die Eltern in einer Phase, in der sie die Kinder am meisten brauchen, oft selbst nicht in der Lage sind, die nötige Zuwendung zu geben.

Wenn man über Loyalitätskonflikte von Kindern im Trennungs- und Scheidungsprozeß reden will, muß man mit denken, daß es Gesetzgebungsabsicht ist, Entscheidungen zu treffen, die dem Kindeswohl entsprechen. Was jedoch im Einzelfall dieses Kindeswohl bedeutet, ist schwer zu beweisen, da Kindeswohl ein dynamischer Prozeß ist, dem man nur optimale Rahmenbedingungen setzen kann. Ich beneide niemanden, der hierbei Entscheidungen treffen muß. Wahrscheinlich muß man sich trennen von der Vorstellung, das Beste für das Kind zu entscheiden, sondern eher den Anspruch verringern, indem Voraussetzungen geschaffen werden sollen, die die größtmöglichen Chancen offenlassen, daß es sich zum Guten hin entwickeln kann.

Im folgenden möchte ich versuchen, einige Argumente, Fakten und Bedingungen zu beschreiben, die das ermöglichen:

Eine Entscheidung, die dem Kindeswohl dienen soll, ist schwer zu treffen, da im Gerichtssaal und bei Anhörungen nicht immer davon ausgegangen werden kann, daß von den Beteiligten eine Wahrheit verkündet wird, die den Ausgang des Verfahrens im Sinne des Kindeswohles auch wirklich trifft. Dabei handelt es sich möglicherweise um internalisierte Wahrheiten, die jedoch den bezug zum Ganzen verloren haben. Auch wenn die Eltern ihre Beobachtungen nutzen, um zu ihrer Wahrheit zu gelangen, ist von ihnen nicht zu erwarten, daß sie objektiv und neutral urteilen können. Selbst die begrüßenswerte Befragung des Kindes führt nicht zwangsläufig zur Ermittlung des "Besten für das Kind". In der Diskussion um das Kindeswohl wurde der Begriff der affektiven Tendenz beschrieben. Der innere Wille des Kindes kann im Widerspruch zu dem stehen, was das Kind anderen gegenüber äußert. Die Schwierigkeit liegt also darin, daß Kinderäußerungen vom affektiven Streben dieser Kinder abweichen können. Das ist umso stärker der Fall, je massiver der Druck ist, dem sie seitens ihrer streitenden Eltern ausgeliefert sind. Die Frage nach dem Ort, wo das Kind leben will, macht Angst. Richtiger ist es, sich unverfänglicher nach der Bindung zu erkundigen, die das Kind zum jeweiligen Elternteil entwickelt hat. Damit trifft man jedoch nur eine aktuelle Befindlichkeit, die noch im Eindruck des Scheidungsprozesses stehen kann und entwicklungsbedingt veränderbar ist. Auch sagt Bindung alleine noch nichts über Erziehungsfähigkeit aus. Auch wenn sicher gebundene Kinder insgesamt leichter mit der Situation umgehen können, ist es doch in hohem Maße auch von der altersspezifischen Fähigkeit von Folgenabschätzung abhängig, wie sich Kinder positionieren.

Auf keinen Fall sollte die Entscheidung über den Lebensmittelpunkt auf das Kind abgewälzt werden, denn damit wird es nicht nur überfordert, sondern ihm wird ein Anteil an Schuld zugeschoben, den es im Erwachsenenkonflikt nicht tragen darf und kann. Außerdem wird ihm mit dieser verordneten "Anmaßung" ein Machtinstrument in die Hand gegeben, daß das Kind dann eher geneigt ist entgegen seinem eigenen Wohl einzusetzen.

Der Familienbegriff und Das Phasenmodell der Verstörung

Familie ist ein biologisches und ein soziales System. Die Einheit dieser beiden Funktionen kann als Grenzfunktion zwischen biologischen und sozialen Systemen verstanden werden. Aus biologischer Perspektive macht erst die Existenz von Kindern die Familie. Sie ist Überlebensgarant und Herkunftsdefinition. Aus ihr entsteht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Mit der Geburt ist die Ordnung festgelegt, eine Ordnung, die bis zum Tod fortdauert und nur verändert wird durch das Hinzukommen weiterer Nachkommen.

Familie als soziales System wird definiert über das Schaffen von Rahmenbedingungen der psychischen Entwicklung und den Kontext in dem sich Verhaltensweisen entwickeln. Familie vermittelt Regeln der Kommunikation und ist identitässtiftend. Die ungeheure Variationsbreite von Familienformen innerhalb der Gesellschaft führt dazu, daß unterschiedliche Kommunikationsmuster aufeinandertreffen. "Die soziale Familie, als Kommunikationssystem, dessen Strukturen nur wenig programmatisch festgelegt sind, gewinnt ihre Flexibilität und ihre Formbarkeit aus der losen Koppelung ihrer interaktionellen Elemente." (Simon, System Familie,3/2000, S. 148)

In konflikthaften Kommunikationsstrukturen, und mit denen müssen wir rechnen, wenn es um Trennung und Scheidung geht, kommt es sehr schnell zu Verstrickungen. Das heißt es fällt dem Individuum schwer, sich abzugrenzen von den Beziehungen, die eigentlich nichts mit ihm selbst zu tun haben, die aber ihre Wirkung auch dort entfalten. Es bleibt dem oberflächlichen Beobachter dann nur übrig, Vertrauen in die Selbstorganisationsfähigkeit des Familiensystems zu haben. In den meisten Fällen gelingt das auch über kurz oder lang. Die pathologischen Fälle müssen dann psychotherapeutisch behandelt werden.

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, daß die jeweilige Familie die richtige Lösung findet, dabei braucht sie meistens Zeit und manchmal professionelle Hilfe vor allem in Übergangsphasen.

Für die Kinder, die ihren richtigen Platz noch suchen, ergibt sich die Schwierigkeit, daß Bedingungen geschaffen werden müssen, die ihnen die bestmöglichen Entwicklungschancen eröffnen. Dazu nur ein Beispiel:

Jungen entwickeln während ihrer frühen Kindheit eine starke Bindung an die Mutter, die dann in der Vorpubertät dazu befähigt, an der Seite des Vaters zum Mann zu werden. Mädchen hingegen, verlassen den Bannkreis der Mutter etwas früher, um sich im Vater als Gegenüber zu begreifen, kehren dann zur Mutter zurück, um an ihrer Seite zur Frau zu werden. Diese idealtypische Beschreibung vernachlässigt wichtige Details, konzentriert sich aber auf das Wesentliche. Diese Identifizierungen mit den leiblichen Eltern werden immer stattfinden. Der Junge braucht das männliche Vorbild, die Erlaubnis, so werden zu dürfen, wie der Vater. Das Mädchen braucht das männliche Gegenüber, den ersten "Mann", den sie liebte, um später unbefangen in Partnerbeziehungen zu gehen.

Auch Mütter, denen es nicht gelingt, sich stark zu zeigen, bilden ein problematisches Identifizierungsobjekt ab, da dem Kind Schutz und Geborgenheit fehlt. Das behindert gesunde Trauer und aggressive Regungen, weil die Kinder die Mutter beschützen müssen. Die Ordnung in der Familie ist verdreht.

Auch idealisierte abwesende Väter erschweren eine realistische Selbsteinschätzung insbesondere bei Jungen, da ein realistisches Bild vom Mann nicht gewonnen werden kann.

Jugendlichen wird der notwendige Ablöseprozeß erschwert, weil sie ihren Eltern nicht das gleiche zumuten wollen, was sie erlebt haben, nämlich verlassen zu werden.

Die Verstörungen in Familien, die sich in der Trennungsphase befinden sind existenziell, geben aber auch die Chance, etwas neu zu beginnen und es letztlich besser zu machen.

Stadien der Ehekrise und des Trennungs- und Scheidungsprozesses

Die betroffenen Eltern meinen oft, daß mit der Scheidung die Ehe und damit die Familie neu geordnet ist. Aber der Systemcharakter von Familie belegt, daß Beziehungsmuster noch lange Zeit nachwirken und auch destruktive Umwertungen der vorhandenen Gefühle, diese Gefühle deshalb nicht aufheben. Kinder bleiben ihr Leben lang an die leiblichen Eltern gebunden. Das geschieht oft unbewußt und ist in der Psychotherapie eine von allen geteilte Grundannahme.

Das Auseinanderbrechen der Ehe und damit der Familie zerstört das idealisierte Elternbild der Kinder. Damit wird ein Teil des Über-Ichs geschwächt, der die Eltern als Träger der Vollkommenheit und Allmacht verkörpert. Im Erleben der Kinder herrscht trotz der Trennung der Eltern weiterhin ein homogenes Familienbild vor. Die Primär- oder Ursprungsfamilie bleibt bei den Kindern lange bestimmend, wenn das anerkannt wird, kann auch eine Stieffamilie gelingen.

Loyalitätskonflikte - ihre Entstehung und Ausprägung

Keine richtige Familie mehr zu haben, gehört zwar heute nicht mehr zu den Ausnahmefällen, dennoch führt es bei Kindern oft zu dem Gefühl, daß etwas mit ihnen nicht in Ordnung sei, zu Schuldgefühlen, Schmerz und Kränkung und einem beträchtlichen Machtverlust, weil die Verfügbarkeit des abwesenden Elternteils nur selten von ihnen selbst kurzfristig zu erzeugen ist. Es steigt die Abhängigkeit vom Elternteil, bei dem sie sich aufhalten, was zusätzliches Konfliktpotential birgt.

Versuchen Mutter oder Vater, die Kinder in ihre gegenseitigen Auseinandersetzungen zu ihrem eigenen Vorteil miteinzubeziehen, nutzen sie als Boten, Spione o.ä., dann geraten Kinder in schwere Loyalitätskonflikte.

Die Hilflosigkeit mit den ihnen aufgebürdeten Loyalitätskonflikten umzugehen, die Enttäuschung die Trauer und die Ohnmacht führen bei vielen Kindern zu einen zumindestens vorübergehenden Absinken des Selbstwertgefühls. Das Kind muß zudem befürchten, mit der Absage an die Bündniserwartungen zum Verlust der Liebe des entsprechenden Elternteils beizutragen. Bei Fortdauer der aggressiven Auseinandersetzungen zwischen den Eltern entsteht bei den Kindern, das Gefühl, Anlaß des Streites und letztlich nicht erwünscht zu sein.

Daß Kinder nur in extremen Ausnahmefällen den Kontakt mit dem anderen Elternteil echt ablehnen, in Wirklichkeit aber unter den elterlichen Aggressionen leiden und allenfalls einem nach dem Munde reden, das kann nur selten auf den ersten Blick erkannt werden. Unbewußte Bündnisse mit einem Elternteil kann ein Familienrichter oder Anwalt nicht entschlüsseln, da dazu ein kritischer Umgang mit der eigenen Wertewelt, der eigenen Person und methodisches Rüstzeug notwendig ist. Auch braucht das Zeit, die innerhalb eines Sorgerechtsverfahrens nicht vorhanden ist.

Das Kind zwischen den Erwachsenen steht unter massivem Druck und wird mitunter in einer Anhörung etwas von sich geben, vom dem es meint, daß es von ihm erwartet wird. Deshalb sollte das ABC der Kindesanhörung sein: A-wie Angst mindern, B- wie Beziehung aufbauen, C- wie Chancen erweitern.

Bindungssicherheit - gute und schlechte Bedingungen

Die mit der Elterntrennung verbundenen Gefühle führen zu einer großen Belastung, der sie v.a. wegen des beeinträchtigten Zugangs zu den vertrauten Bindungspersonen nicht gewachsen sind.

Kinder aus Trennungs- und Scheidungsfamilien zeigen häufiger eine emotionale Labilität, Kontaktangst, ein unrealistisches Selbstkonzept, unangepasstes Sozialverhalten und instabiles Leistungsverhalten. Dabei zeigen sich einerseits differenzielle Alterseffekte. Kinder im Vorschulalter gelten als am gefährdetsten. Kleinere Kinder sind aufgrund ihres kognitiven Entwicklungsstandes noch nicht in dem Maße in der Lage, die familiären Veränderungen genauer zu registrieren, Betroffenheit zu erleben und den Scheidungsprozeß zu verstehen. Dadurch entwickeln sich Schuldgefühle.

Die protektive Wirkung des höheren Lebensalters gründet sich vor allem auf dem Zugang zu Bewältigungsstrategien. dennoch sind gerade diese "verständigen" Kinder am höhsten in der Gefahr, Loyalitätskonflikte zu entwickeln.

Scheidungsjungen können sich weniger leicht als Mädchen auf neue Situationen einstellen und sich diesen anpassen, da sie ihre Gefühle zu selten äußern und sich sich von der Außenwelt abschirmen.

Falls es einem Elternteil gelingt, das Kind in der Trennungssituation gegen den anderen Elternteil negativ zu beeinflussen, ist zu vermuten, daß dieses Kind auch ihn selbst nicht mehr als unterstützend wahrnehmen kann und sich von beiden Eltern alleine gelassen fühlt.

Deshalb kommt der Konsensbildung zwischen den Partnern eine besondere Bedeutung zu. Scheidungskinder mit einer guten Beziehung zum Vater, der in den meisten Fällen der außerhalb des Haushaltes lebende Elternteil ist, verfügen über ein höheres Selbstbewußtsein. Die Bedeutung der elterlichen Paarbeziehung ist sehr weitreichend. Angst um das Kind, wenn es sich beim jeweils anderen Elternteil aufhält, belastet die Kinder und sie erleben ihre Eltern als wenig verläßlich. Nur bei einer sehr kleinen Gruppe sind nicht tragfähige Vater-Kind-Beziehungen auf Dauer zu befürchten.

Es entspricht dem Kindeswohl, das heißt einer gedeihlichen Erziehung der Kinder, daß ihm beide Eltern erhalten bleiben, auch der umgangsberechtigte Elternteil, denn das Umgangsrecht ist ein Recht eigener Qualität und dem Sorgerecht nicht untergeordnet.

Nach einer Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofes (BGH 4 StR 594/98) macht sich ein allein sorgeberechtigter Elternteil wegen Kindesentziehung strafbar, wenn er das Kind dem umgangsberechtigten Elternteil entzieht.

Eine in der Literatur heftig dikutierte Symptomatik bei Scheidungskindern in diesem Zusammenhang ist das Parental Alienation Syndrom (PAS). Überidentifikation und extreme Loyalitätshaltung des Kindes im Trennungskonflikt wird damit beschrieben. Es handelt sich um eine Neuformulierung eines bekannten Phänomens kindlichen Verhaltens und elterlichen Erlebens und äußert sich in der Ablehnung des persönlichen Kontaktes zum umgangsberechtigten Elternteil. Man kann es auch als identifikatorische Übernahme von Elternargumenten verstehen. Die emotionale Tragfähigkeit der Beziehung wird dauerhaft belastet. Kinder bleiben verstrickt in die elterlichen Konflikte und es droht das Damoklesschwert der Sorgerechtsentziehung. PAS kann ein Hinweis auf erheblich eingeschränkte Erziehungskompetenz sein. Die Weigerung zur Mitarbeit wird vom Helfersystem mißbilligt.

Kindesentziehung kann aber auch als sinnhaftes Lösungsverhalten interpretiert werden, wenn man davon ausgeht, daß es dem Kind wirklich vorübergehend schlechter geht. Die Interpretation von Kindesäußerungen werden integriert in ein Erwartungsmuster, wo genau das gehört wird, was gehört werden will. Es geht um unbewußte und verständliche Fehleinschätzung der Situation. Schutzbehauptungen des Kindes werden überbewertet, man ist geneigt, dem Kind plötzlich mehr zu glauben als dem anderen Erwachsenen, obwohl Phantasie- und Wunschwelt für Kinder so realitätsnah sind, daß die Wahrheit bis zum Ende des Grundschulalters nicht 100 %ig ermittelbar ist.

Motive der Entfremdung sind nachvollziehbar die Folgen dürfen jedoch nicht toleriert werden. Die Aufhetzungstheorie verhindert, die eigene Unfähigkeit mit der Situation umzugehen, wahrzunehmen. Gegenseitige Abwertung ist einfacher als zugeben zu müssen, daß man selber Fehler gemacht hat und macht. Außerdem: Die Liebe des Kindes zum geschiedenen Partner tut weh und macht Angst. Die Ablehnung des Umgangsberechtigten durch das Kind bei der Übergabesituation ist noch kein hinreichender Hinweis auf schlechte Vorbereitung des Kindes, sondern oft steht die generalisierte Angst vor jeder Trennungssituation dahinter, denn nun muß die Mutter verlassen werden.

Diese Loyalitätskonflikte führen zu Kontaktvermeidung, da die elterlichen Spannungen als so unerträglich empfunden werden, daß es die betroffenen Kinder nur noch schaffen, die Zuneigung zu einem Elternteil zu leben und die Gefühle zum anderen abzuspalten. 9-12 Jährige neigen vermehrt dazu, Bündnisse mit einem gegen das andere Elternteil einzugehen.

Den Vater zu treffen, bedeutet für das Kind, auf die Mutter verzichten zu müssen. Die Mutter wieder haben, bedeutet den Vater wieder verlassen zu müssen. Der Objektwechsel aktiviert an den Besuchstagen jedesmal das Scheidungserlebnis und mit ihm die typischen Ängste und Affekte. Besuch und Rückkehr sind somit schon ohne Zutun der Eltern Loyalitätskonflikte. Diese Aktivierung verflacht jedoch im Laufe der Zeit, wenn Eltern ermutigt werden, die Gefühle ihrer Kinder ernst zu nehmen, ohne sie als Argument gegen eine Besuchsregelung zu benutzen. Verläßlichkeit ist dabei wünschenswert. Nach ca. zwei Jahren haben sich die meisten Kinder an die neue Situation gewöhnt, und beginnen sogar Nutzen aus ihr zu ziehen.

Das Kind hat gelernt, daß es sich trennen kann und darauf vertrauen darf, daß das gerade verlassenen Objekt erhalten bleibt.

Ruhe, die das Kind nach einer Scheidung braucht, ist nicht die Ruhe der dauerhaften Abwesenheit des anderen Elternteils, sondern die Ruhe der Eltern, um sich neu zu orientieren und in den neuen Ordnungen zurechtzufinden. Ruhe heißt Entspannung im Sinne von Minimierung des permanent erhöhten affektiven Erregungsniveaus.

Kinder haben noch Jahre nach der Scheidung die Sehnsucht nach Wiedervereinigung der Eltern. Das führt manchmal zur Fortführung einer Symptomatik, die schon während des Trennungsprozesses den unbewußten Zweck hatte, die Eltern von ihren gegenseitigen Beziehungsproblemen abzulenken, um zu erreichen, daß sie sich in der Sorge um das Kind wieder vereinigen. Deshalb ist es hilfreich, diese Sehnsucht zu akzeptieren, jedoch deutlich zu machen, daß es darum nicht mehr gehen kann.

Konsequenzen für den Umgang mit Scheidungskindern

Das Paradoxon, was von geschiedenen Eltern erwartet wird, ist, daß sie nach der Trennung besser kooperieren müssen als vorher. Ansprüche an Erziehung, Transparenz, Offenheit und Annahme müssen entwickelt und ausgehandelt werden. Und das in einer Zeit in der Kommunikation besonders schwer fällt. Deshalb mein Plädoyer für mediative Elemente im Scheidungsverfahren, wenn Kinder involviert sind. Vertrauen in die Lösungskompetenz der Eltern setzt Neutralität und Allparteilichkeit voraus.

Im Umgang mit Sorgerechts- und Umgangsfragen sollte vermieden werden, erwachsene eventuell mittelständisch orientierte Wertekategorien zu übernehmen. Kinder lieben ihre Eltern in einem so ursprünglichen Sinn, daß sie unbewußt bereit sind, Symptome zu entwickeln, die ihre Eltern in die Achtung setzen. Dazu nur ein Beispiel aus der Psychotherapie: Kinder sind bereit, ihrem ausgerenzten Vater durch Selbstmord bis in den Tod zu folgen. Suizid ist die zweithäufigte Todesursache unter 18.

Die Wertschätzung dieser kindlichen Bedürfnisse muß oberstes Prinzip jeder Entscheidung sein. Daß die Option, auch den ausgezogenen Vater lieben zu dürfen, offen bleibt- das führt dazu, daß das Kind die Seite an sich, ("du wirst wie dein Vater") die den väterlichen Anteil repräsentiert, und damit sich selbst achten kann.

Kinder können nur dann als Gewinner einer Umgangsregelung hervorgehen, wenn man ihre altersgemäßen Besonderheiten berücksichtigt, ihre Lösungs- und Bewältigungsmodelle betrachtet und die objektiv vorhandenen Ressourchen bedenkt. Das heißt insbesondere

In jedem Alter ist es unabdingbar, zum Finden einer emotionalen Stabilität beizutragen. Neuartige Rollenzuschreibungen brauchen Zeit und die Phase der Instabilität kann bei den Heranwachsenden eine Fähigkeit entwickeln, Konflikte zu lösen. Das zeigt sich oft in einer schnelleren Reifung der Bewertungsfähigkeit von Beziehungen und zu einer erhöhten Selbstreflexion. Diese Kompetenzen gehören zu den positiven Effekten, die eine Trennung der Eltern für das Kind haben kann. Das Kind lernt sich zu orientieren in verwirrenden Strukturen und damit wird seine Anpassungsfähigkeit geschult. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen auf allen Seiten, die Wertschätzung der Lösungsmodelle beider Eltern erfährt das Scheidungskind auch eine Horizonterweiterung. Verschiedene Lösungsstrategien kennenzulernen, erhöht die zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen, jenseits der akuten Betroffenheit.

Schutzfaktoren für das Kind bieten vor allem kooperative Familien, bei denen beide Elternteile die Verbundenheit zu den Kindern pflegen. Ziel jeglicher Intervention muß es demnach sein, Bedingungen zu schaffen, die das ermöglichen.

Kooperationsfähigkeit kommt nicht von alleine. Dabei ist vor allem zu beachten, daß nach zwei bis sechs Jahren die Beziehungsgestaltung einen Punkt erreicht hat, an dem dies bei den meisten Paaren möglich ist. Die Zeit dazwischen muß demnach so gestaltet werden, daß Kontinuität in den Kontakten ermöglicht wird. Bedenken und Befürchtungen müssen ernst genommen werden, jedoch als obligate Phase verstanden werden, die es durchzustehen gilt.

Elterliche Fähigkeit, die gefördert werden müssen:

Die Sicherung bestmöglicher Entwicklungschancen für das Kind nach der Scheidung wird am besten dann gewährleistet, wenn es den Eltern gelingt, den Kindern die Fortsetzung einer intensiven Beziehung zu beiden Elternteilen zu ermöglichen. Die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sind so zu begrenzen oder vielleicht sogar zu verhindern.

Halle, Februar 2001